Bedingungen des Guten -

Manipulation oder Freiheit

 

Beschäftigen wir uns zunächst mit einem häufig vorgebrachten Einwand: mit der Behauptung, daß die für die Entfaltung des Guten (sowohl beim Einzelmenschen als auch menschheitsgeschichtlich) notwendigen Bedingungen auch Lohn und Strafe einschließen müßten, weil der Mensch von sich aus keinen Antrieb zur Entfaltung seiner Fähigkeiten besitze. Ich will im folgenden zu zeigen versuchen, daß jedes normale Individuum von sich aus die Neigung hat, sich zu entwickeln, zu wachsen und produktiv zu werden, und daß die Lähmung dieser Tendenz an sich schon Symptom einer geistigen Erkrankung ist. Geistige oder körperliche Gesundheit sind keine Ziele, zu denen der Einzelne von außen gezwungen werden muß, sondern der Antrieb dazu ist im Individuum vorhanden, und für die Unterdrückung sind starke gesellschaftliche Kräfte nötig, die ihm entgegenwirken. (Diese Auffassung ist bereits vor dem Autor von K. Goldstein, H. Sullivan u. K. Horney herausgearbeitet worden.)

Die Annahme, der Mensch besitze einen angeborenen Wachstums- und Integrationsdrang, bedeutet nicht, daß es sich dabei um einen abstrakten Trieb nach Vervollkommnung handelt, um eine besondere Gabe, mit der die Menschen ausgestattet sind. Vielmehr ergibt es sich aus der Natur des Menschen selbst, aus dem Prinzip, daß die Fähigkeit zu handeln auch das Bedürfnis schafft, diese Fähigkeit zu nutzen, und daß Funktionsstörung und Unglück entstehen, wenn die Fähigkeit nicht genutzt wird. In bezug auf die physiologischen Funktionen des Menschen ist die Richtigkeit dieses Prinzips leicht erkennbar. Der Mensch hat die Fähigkeit zu gehen und sich zu bewegen; wird er an der Nutzung dieser Fähigkeit gehindert, so sind schwere körperliche Schäden oder Krankheit die Folge. Frauen haben die Fähigkeit, Kinder zu gebären und zu stillen; wenn eine Frau nicht Mutter wird, wenn sie ihre Fähigkeit ein Kind zu gebären und zu lieben, nicht realisieren kann, so erfährt sie eine Frustration, die nur durch eine gesteigerte Realisierung ihrer Fähigkeiten in anderen Bereichen ausgeglichen werden kann. Freud hat auf einen weiteren Mangel an Verwirklichung hingewiesen, der zu Krankheitserscheinungen führen kann. So erkannte er, daß eine Blockierung der sexuellen Energie oft die Ursache einer Neurose ist. Obwohl Freud die Bedeutung der sexuellen Energie überschätzte, so ist seine Theorie doch ein tiefer symbolischer Ausdruck der Tatsache, daß der Mensch krank und unglücklich wird, wenn er seine Möglichkeiten nicht verwirklichen kann. Sowohl hinsichtlich der physischen wie der psychischen Kräfte des Menschen erweist sich die Richtigkeit dieses Prinzips. Der Mensch hat die Gabe, sprechen und denken zu können. Würden diese Fähigkeiten blockiert, so wäre der Betreffende schwer geschädigt. Der Mensch hat die Gabe, zu lieben, und wenn er von dieser Gabe keinen Gebrauch machen kann, wenn er liebesunfähig ist, so leidet er unter diesem Unglück, obwohl er mit allen Arten der Rationalisierung versuchen mag, sein Leiden zu überdecken oder obwohl er die von der Gesellschaft gebotenen Fluchtmöglichkeiten nutzt.

Unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen stellt sich eher die Frage, warum so viele Menschen nicht neurotisch werden, obwohl sie nicht produktiv und in sich selbst integriert leben. Es erscheint hier zweckmäßig, zwischen zwei Begriffen zu differenzieren, nämlich zwischen Defekt und Neurose. Erreicht jemand seine Reife, Spontaneität und eine echte Selbsterfahrung nicht, so kann man annehmen, daß er einen schweren Defekt hat. Vorausgesetzt wird dabei allerdings die Annahme, Freiheit und Spontaneität seien die objektiven Ziele, die jeder Mensch erreichen sollte. Wenn ein solches Ziel von der Mehrheit einer Gesellschaft nicht erreicht wird, so haben wir es mit dem Phänomen eines gesellschaftlichen Defekts zu tun. Der Einzelne ist mit vielen anderen davon betroffen; er erkennt ihn nicht als Defekt, und seine Sicherheit wird nicht durch das Erlebnis bedroht, daß er anders als die Übrigen und sozusagen ausgestoßen ist. Was er an Reichtum und echtem Glücksgefühl einbüßen mag, wird durch die von ihm empfundene Sicherheit aufgewogen, weil er zum Rest der Menschheit - so wie er sie kennt - paßt. Sein Defekt kann in seinem Kulturraum sogar als Vorzug gelten, sodaß er ein gesteigertes Gefühl von Leistung hat.

Spinoza hat das Problem eines gesellschaftlich bedingten Defektes klar ausgedrückt: "Es gibt viele Menschen, denen ein und derselbe Affekt hartnäckig anhaftet. Denn wir sehen, wie Menschen zuweilen von einem Gegenstand so affiziert werden, daß sie ihn, obgleich er nicht gegenwärtig ist, dennoch vor sich zu haben glauben; geschieht dies einem Menschen in wachem Zustande, so sagen wir, er sei verrückt... Wenn jedoch der Habsüchtige an nichts anderes denkt als an Gewinn oder Geld, der Ehrgeizige nur an Ruhm, so hält man diese nicht für verrückt, sondern für unangenehm und verächtlich. In der Tat aber sind Habsucht, Ehrgeiz und so weiter Arten der Verrücktheit, obgleich man sie nicht den 'Krankheiten zuzählt." (Ethik, IV, Lehrsatz 44, Anm.)

Diese Worte wurden vor ein paar Jahrhunderten geschrieben; sie haben immer noch ihre Gültigkeit, obwohl der Defekt heute in einem solchen Maß zum Kulturdefekt geworden ist, daß er im allgemeinen nicht mehr als verächtlich, sogar nicht einmal als lästig empfunden wird. Wir treffen heute Menschen, die wie Automaten handeln und fühlen. Sie erleben nie etwas, was als echtes Erlebnis anzusprechen wäre; auch sich selbst erleben sie nur als die Person, die sie nach der Meinung anderer sein sollten; Lächeln hat das Lachen ersetzt, bedeutungsloses Geschwätz eine mitteilsame Unterhaltung, und stumpfe Verzweiflung ist an die Stelle echter Trauer getreten. Die Medien könnten heute jedem das Beste aus Musik oder Literatur bieten. Stattdessen füllt Kitsch auf dem Niveau von Schundromanen oder Reklame, die für Verstand und Geschmack eine Beleidigung darstellen, die Programme. Wir besitzen die wunderbarsten Instrumente und Mittel, die der Mensch je hatte, aber die Mehrheit hält nicht inne, um zu fragen, wozu sie da sind. (Antoine de Saint-Exupéry hat in seinem Werk 'Der kleine Prinz' eine ausgezeichnete Beschreibung gerade dieser Situation gegeben.) Aus Erziehung ist Manipulation geworden. Ihr fehlt der Glaube an das Reifen der kindlichen Möglichkeiten; sie beruht auf der Überzeugung, daß aus einem Kind nur dann etwas Rechtes werden kann, wenn die Erwachsenen ihm das aufpfropfen, was erwünscht ist, und ihm das abstutzen, was unerwünscht zu sein scheint. An einen Roboter braucht man nicht zu glauben, denn in ihm ist kein Leben.

Über die Mehrheit der Menschen der heutigen Industriegesellschaften kann zweierlei festgestellt werden: Sie leiden an fehlender Spontaneität und Individualität, was beides unheilbar scheint. Die meisten werden Dank der kulturellen Verhältnisse, die den Defekt verdecken, vor dem Ausbruch einer Neurose bewahrt. Bei einigen wirkt dieser kulturell gegebene Schutz nicht, sodaß der Defekt als mehr oder weniger schwere Neurose auftritt. Daß in diesen Fällen die kulturelle Schablone nicht genügt, um den Ausbruch einer offenkundigen Neurose zu verhindern hat seine Ursache entweder in einer größeren Intensität der pathologischen Kräfte oder in stärker entwickelten gesunden Kräften, die den Kampf aufnehmen, obwohl die kulturelle Schablone sie nicht daran hindern würde, sich ruhig zu verhalten.

Sogar wenn ein Mensch nur anderen gegenüber destruktiv zu sein scheint, verletzt er das Lebensprinzip in sich selbst ebenso wie in anderen. In der Sprache der religiösen Sphäre wurde dieses Prinzip so ausgedrückt, daß der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen sei und jede Verletzung des Menschen eine Sünde gegen Gott bedeute. In weltlicher Sprache würden wir sagen, daß wir alles, was wir einem anderen tun - es mag gut oder böse sein - auch uns selbst antun. "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andren zu", lautet eines der grundlegenden Prinzipien der Ethik. Aber mit der gleichen Berechtigung kann man sagen: Was du anderen antust, das tust du auch dir selber an. In irgendeinem menschlichen Wesen die Kräfte zu verletzen, die auf das Leben gerichtet sind, schlägt unfehlbar auf uns selbst zurück. Unser eigenes Wachstum, unser Glück und unsere Stärke beruht auf der Respektierung dieser Kräfte, und es ist nicht möglich, sie in anderen zu verletzen und selbst dabei unberührt zu bleiben. Die Achtung vor dem Leben, dem fremden wie dem eigenen, gehört zum Lebensprozeß selbst und ist eine Bedingung für die psychische Gesundheit. In gewisser Hinsicht stellt die gegen andere gerichtete Destruktivität ein pathologisches Phänomen dar, vergleichbar mit selbstmörderischen Impulsen. Wenn es einem Menschen gelingt, diese destruktiven Impulse zu ignorieren oder mit Rationalisierungen zu verdecken, so kann er doch nicht verhindern, daß er - d.h. sein Organismus - darauf reagiert und durch Handlungen (z.B. Rauchen, zerstörerischer "Leistungs"sport) in Mitleidenschaft gezogen wird, die gerade dem Prinzip widersprechen, durch das sein Leben und jedes Leben erhalten wird. Der destruktive Mensch ist auch dann unglücklich, wenn er die Ziele seiner Destruktivität erreicht, die seine eigene Existenz untergräbt. Umgekehrt aber kann kein gesunder Mensch umhin, Beweise von Anstand, Liebe und Mut zu bewundern und von ihnen bewegt zu werden; denn auf diesen Kräften fußt sein eigenes Leben.

Nehmen wir an, daß der Mensch im Grunde destruktiv und selbstsüchtig ist, so führt dies zu einer Konzeption, wonach ein moralisches Verhalten in der Unterdrückung jener bösen Triebe ("innerer Schweinehund") besteht, denen der Mensch ohne ständige Selbstkontrolle nachgeben würde. Gemäß diesem Prinzip muß der Mensch sein eigener Wachhund sein. Er muß zunächst einmal erkennen, daß er seiner Natur nach böse ist, um daraufhin seine Willenskraft einzusetzen, die ihm angeborenen bösen Tendenzen zu bekämpfen. Das Böse zu unterdrücken oder ihm nachzugeben, wäre also die Alternative.

Eine weit wirksamere Maßnahme gegen "angeborene" böse Tendenzen scheint darin zu bestehen, daß ihr Bewußtwerden verhindert und damit eine bewußte Versuchung ausgeschlossen wird. Diese Art der Unterdrückung bezeichnete Freud als "Verdrängung". Verdrängung heißt, daß es dem Impuls, obgleich er existiert, nicht erlaubt wird, in den Bewußtseinsbereich einzudringen, oder daß er schnell wieder daraus entfernt wird. Der Sadist beispielsweise wäre sich also seines Zerstörungstriebes oder seiner Herrschsucht nicht bewußt; es gäbe keine Versuchung und keinen Kampf.

Die Verdrängung böser Impulse aus dem Bewußtsein ist diejenige Art der Unterdrückung, auf die sich die autoritäre Ethik implizit oder explizit als den sichersten Weg zur Tugend verläßt. Aber wenn es auch zutrifft, daß die Verdrängung einen Schutz gegen bestimmte Handlungen darstellt, so ist sie doch weit weniger wirksam, als ihre Verfechter annehmen.

Die Verdrängung entfernt einen Impuls aus dem Bewußtsein, hebt jedoch nicht seine Existenz auf. Freud hat nachgewiesen, daß der verdrängte Impuls weiterhin wirksam bleibt und einen tiefen Einfluß auf den Menschen ausübt, wenn auch der Betreffende sich seiner nicht bewußt ist. Die Wirkung des verdrängten Impulses auf den Menschen braucht nicht einmal geringer zu sein als die des bewußten; der Hauptunterschied besteht nur darin, daß er sich nicht offen, sondern versteckt auswirkt, sodaß der Handelnde nicht erkennt, was er tut. Wenn sich zum Beispiel unser Sadist seines Sadismus nicht bewußt ist, so kann er das Gefühl haben, daß er andere nur deswegen beherrscht, weil ihm an dem liegt, was nach seiner Meinung das Beste für sie wäre, oder auch aus seinem starken Pflichtgefühl heraus.

Vollkommen verschieden von Verdrängung und Unterdrückung ist eine dritte gegen destruktive Impulse gerichtete Reaktionsart. Bei der Unterdrückung bleibt der Impuls lebendig, verhindert wird nur das (momentane) Handeln; bei der Verdrängung wird der Impuls selbst aus dem Bewußtsein entfernt, sodaß (bis zu einem gewissen Grad) in versteckter Form ihm entsprechend gehandelt wird; bei der dritten Reaktionsart kämpfen die lebensfördernden Kräfte des Menschen gegen die destruktiven und bösen Impulse. Je stärker ein Mensch sich dieser Impulse bewußt ist, desto stärker kann er darauf reagieren. Nicht nur sein Wille und seine Vernunft beteiligen sich, sondern auch die emotionalen Kräfte in ihm, die von seiner Destruktivität herausgefordert werden. In einem sadistischen Menschen z.B. wird ein solcher Kampf gegen den Sadismus eine echte Güte entwickeln, die zu einem Bestandteil seines Charakters wird und ihn von der Aufgabe befreit, sein eigener Wachhund zu sein und seine Willenskraft ständig auf die "Selbstkontrolle" zu richten. Bei dieser Reaktion liegt der Nachdruck nicht auf dem Gefühl der Schlechtigkeit und Reue, sondern auf dem Vorhandensein und dem Einsatz produktiver Kräfte. Als Ergebnis des produktiven Konflikts zwischen Gut und Böse wird also das Böse selbst zur Quelle der Tugend.

Vom hier vertretenden Standpunkt folgt daraus, daß die ethische Alternative nicht zwischen Unterdrückung des Bösen oder Nachgeben besteht. Beides - Unterdrückung (speziell Verdrängung) und Nachgeben - sind lediglich zwei Aspekte derselben Bindung an das Böse. Die wirkliche ethische Alternative besteht zwischen Unterdrückung und Nachgeben auf der einen und Produktivität auf der anderen Seite. Ziel darf nicht die Verdrängung der Bösen im Menschen (das von der schädigenden Wirkung der autoritären Gesinnung begünstigt wird), sondern der produktive Gebrauch der dem Menschen angeborenen primären Möglichkeiten. Tugend wächst entsprechend dem Grad der Produktivität, den ein Mensch erreicht hat.

Wenn einer Gesellschaft daran gelegen ist, die Menschen tugendhaft zu machen, dann muß ihr daran gelegen sein, die Menschen produktiv zu machen, und infolgedessen auch daran, die Voraussetzungen für die Entfaltung der Produktivität zu schaffen. Die erste und wichtigste dieser Voraussetzungen besteht darin, daß jede soziale und politische Aktivität die Entfaltung und das Wachstums des Menschen zum Ziel haben muß, daß der Mensch als einziger Endzweck betrachtet wird und nicht als Mittel für irgend jemanden oder irgend etwas - außer für sich selbst.

Die autoritäre Ethik impfte dem Menschen die Vorstellung ein, es bedürfe einer gewaltigen und unermüdlichen Anstrengung, um gut zu sein; der Mensch müsse sich ständig bekämpfen, und jeder falsche Schritt könne verhängnisvoll werden. Diese Auffassung ergibt sich aus der autoritären Prämisse. Wäre der Mensch ein so böses Wesen und wäre Tugend nur der Sieg über sich selbst, dann würde diese Aufgabe tatsächlich als abschreckend schwierig erscheinen. Ist Tugend aber dasselbe wie Produktivität, dann ist es durchaus kein so mühsames und schwieriges - wenn auch nicht einfaches - Unterfangen, sie zu erreichen. Der Wunsch, seine Kräfte produktiv zu gebrauchen, ist dem Menschen angeboren, und seine Anstrengungen richten sich vor allem darauf, die in ihm und seiner Umwelt vorhandenen Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die seiner Neigung im Wege stehen. So wie der steril und destruktiv gewordene Mensch in einem zunehmenden Maße gelähmt und sozusagen in einem circulus vitiosus gefangen wird, so gewinnt ein Mensch, der sich seiner eigenen Kräfte bewußt ist und sie produktiv verwendet, an Stärke, Glauben und Glück. Er ist weniger und weniger in Gefahr, sich selbst entfremdet zu werden. Das Erlebnis von Freude und Glück ist nicht nur das Ergebnis eines produktiven Lebens, sondern auch dessen Stimulanz. Aus dem Geist der Selbstkasteiung und des Kummers mag die Verdrängung des Bösen erwachsen, aber es gibt nichts, was dem Guten förderlicher wäre als eben das Erlebnis von Freude und Glück, das jede produktive Tätigkeit begleitet.

Jede Steigerung der Freude, die eine Kultur bieten kann, wird mehr zur sittlichen Erziehung ihrer einzelnen Glieder beitragen als alle Strafandrohungen und Tugendpredigten.

(Exzerpt aus: Erich Fromm 'Psychoanalyse und Ethik')

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