13.08.2003

Kommentar

Es filbingert
bei EnBW

Lichter, Atomkraftwerke und heiße Flüsse

Der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger, der dankenswerter Weise zu seinem bald neunzig-jährigen Geburtstag1 wieder herumgeistert und jenseits der normierten Pfade staatlicher Gedenk-Arbeit zu erfrischender Geschichts-Erfahrung beiträgt, hat offenbar auch bei der EnBW alte Reminiszenzen und Luminiszenzen wachgerufen.

1975 hatte unser Prophet Filbinger gemahnt, daß uns (und vielleicht hatte er sich dabei ans Lebenslicht des Matrosen Walter Gröger erinnert) das Licht ausgehen werde, sollten sich der Widerstand gegen das geplante AKW Wyhl nicht brechen lassen. Schon damals ging vielen ein Licht auf und dem folgte 1978 ein geradezu aufklärerisches Leuchten, als einiges über Filbingers Wirken in der Nazizeit ans Licht kam und unserem "Landesfürsten" Beine gemacht wurden.

Nun hat das große Licht am Firmament uns einen heißen Sommer und Wasserknappheit beschert. Die Niedrigstände von Neckar und Rhein erzwangen das Herunterfahren der AKWs und in Folge dessen eine Minderung der Profite. Und um bei der Landesregierung Sondergenehmigungen zu ergattern, erklang in memoriam filbingensis und in alter Verbundenheit von Seiten der EnBW (obwohl sie ja inzwischen zu einem Drittel der französischen EDF gehört) vor wenigen Tagen die vertraute Weise von den ausgehenden Lichtern. Die Tatsache, daß genügend Kapazitäten vorhanden wären, um sämtliche 19 AKWs abzuschalten, ohne daß irgendwelche Versorgungsknappheit - außer auf dem Konto von EnBW - zustande käme, spielte bei solch reflexhaften, larmoyanten Äußerungen noch nie eine Rolle.

Immerhin widersprach die halbwegs seriöse VDEW, die übrigens alljährlich die gesamtdeutschen Stromkapazitäten, Produktions- und Verbrauchszahlen akkurat auflistet, und bescheinigte eine stabile Versorgungslage. Dennoch wurde heute - und offensichtlich einzig und allein zur ungeschmälerten Versorgung des EnBW-Kontos - eine Ausnahmegenehmigung von Seiten der Landesregierung erteilt. Während sich unser heutiger Ministerpräsident künstlich über Windkrafträder echauffiert, hat er offenbar Gefallen an gekochtem Fisch. Die baden-württembergischen AKWs mußten bereits auf 80 Prozent ihrer Leistung heruntergefahren werden, um die Flüsse nicht über die gesetzliche Höchsttemperatur hinaus aufzuheizen. Um die AKWs jetzt nicht noch weiter herunterfahren oder gar abschalten zu müssen, werden flugs Ausnahmegenehmigungen erteilt.

Nun ist es aber so, daß die Atom-Aufsicht beim Bund und daher bei Atom-Minister Trittin liegt. Das bringt diesen nun wiederum arg in die Bredouille. Denn wenn bekannt würde, daß er nach Recht und Gesetz einschreiten müßte, würde sein grünes Tarnmäntelchen noch fadenscheiniger werden als es schon ist. Denn da gibt es ein unschönes "rechtliches Problem": Da die Vorschriften über die Wassertemperaturen Bestandteil der Genehmigungsverfahren und der Betriebserlaubnis sind, dürfen sie nicht nach Belieben durch Ausnahmegenehmigungen außer Kraft gesetzt werden. Zuvor müßte ein atomrechtliches Änderungsverfahrens mit den im Rechtsstaat üblichen Einspruchsmögichkeiten eingeleitet werden. Und so etwas dauert seine Zeit und würde für diesen Sommer nichts mehr nützen.

Aber was machen schon ein paar Grad Celsius, meint da mein Nachbar, der Ingenieur. Er kenne einige Hausfrauen, die auch mal einen explodierenden Dampfkochtopf überlebt hätten. Auf meine Frage, ob es denn nicht immer geheißen habe, Dampfkochtöpfe könnten konstruktionsbedingt gar nicht explodieren, zuckte er nur verächtlich die Schultern...

Ich halte mich da eher an die Erkenntnis, daß alle Buchstaben auf dem Papier weicher als Wachs in der Sonne seien, wenn - ja wenn Geld seine magische Anziehungskraft ausstrahlt. Und so mag mensch auch selbst eigene Schlußfolgerungen über die ach so unvergleichliche Sicherheit deutscher AKWs ziehen. Von den Propheten absoluter Versorgungssicherheit, die immer nur nach dem billigen Uran anderer Länder schielten, aber nie an Niedrigwasser dachten, ganz zu schweigen.

 

Klaus Schramm

 

Anmerkung:
1 Siehe auch unseren Artikel:
'Ist Freiburgs "grüner" OB unerfahren ?'

 

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