23.01.2001

FAZ, Trittin
und "Buback-Nachruf"

Die 'FAZ' wirft in ihren Ausgaben vom 22.01. und 23.01. ihr gesamtes Gewicht in die Waagschale, um Umweltminister Trittin zum Rücktritt zu zwingen. Dabei spielt sie ein riskantes Spiel. Sie dokumentiert den lange verbotenen "Buback- Nachruf" um damit Trittin in die Nähe des Terrorismus zu rücken - wohl in der Hoffnung, daß sich niemand die Mühe macht, den Text auch zu lesen...

Manchmal ist es ja ganz gut, wenn mensch ein gewisses Alter hat und dazu schon lange zu den Sammlern (nicht: Jägern) gehört:

Ich habe nämlich selbst noch eine Kopie des ominösen Buback-Nachrufs (in der Ausgabe des Tübinger AStA-Infos v. 6.05.1977). Der Besitz war ja sogar strafbar und ich kann nur hoffen, daß ich heute nicht mehr dafür belangt werden kann, es gewagt zu haben, mir selbst ein Urteil bilden zu wollen.

Deshalb zunächst mal eine formale Kritik an der 'FAZ': In ihrer Dokumentation versucht sie, den Text schon gleich anfangs herunterzumachen, indem sie einen selbsteingebauten Schreibfehler, "päbstlich" statt "päpstlich", mit latein- geschwängertem Einwurf "(sic, die Red.)" versieht und damit die Lacher auf ihre Seite ziehen will.
Jedenfalls ist in meiner alten Kopie das Wort "päpstlich" richtig geschrieben.

Das eingefügte Bild einer Kopie des "Buback-Nachrufs" hat eine so geringe Auflösung, daß es schlicht unmöglich ist, die Schrift zu lesen und somit diese Verfälschung zu erkennen - es ist also wertlos und suggeriert Autentizität, wo purer Schein eine Nachprüfung nicht ermöglicht. Daß es sich lediglich um das Bild einer Kopie und nicht um das Bild des Originals aus der Göttinger AStA-Zeitung handelt, ist daran zu erkennen, daß (wie auf meiner Kopie) der untere Teil des Textes fehlt und somit der Text auf dem Bild - im Gegensatz zur darauf- folgenden schriftlichen Fassung - nicht vollständig ist.

Auf meiner alten Kopie ist der restliche Text an anderer Stelle fortgesetzt, so daß ich beide Versionen vergleichen konnte. Bis auf einige FAZ-eigene Tippfehler (zB. "Leute" statt "Läuse") ist allerdings zu konstatieren, daß die Dokumentation im Großen und Ganzen korrekt ist.

Jetzt zum Inhalt:
Ich bin mal sehr gespannt, inwieweit sich die Zeiten wirklich geändert haben und ob heute ein vorurteilsfreier Umgang mit diesem Text möglich ist. Der 'FAZ' geht es offensichtlich nur darum, Trittin zum Rücktritt zu zwingen:
"Brandstifter
Das Wort >>Jugendsünde<< wird den Haßtiraden nicht gerecht, mit denen Fischer und Trittin einst diesen Staat bekämpften. Fischer hat sich beizeiten davon losgesagt - Trittin erst am Montag. Zu spät."

Die Überschrift fällt auf die 'FAZ' zurück, denn sie weist sich damit selbst als eben den 'Biedermännern und Brandstiftern' zugehörig aus, denen es schon in den 70er Jahren gefiel, einen Teil der damaligen Jugend durch brachiale Nötigung zur Distanzierung in die Arme des Terrorismus zu treiben und denen selbst ein Stiefel leckender Trittin nicht devot genug ist, nachdem sie ihn aufs Korn genommen haben, um zu beweisen, daß selbst vollkommene Unterwürfigkeit nicht genügt, um ihrer Gnade teilhaftig werden zu können.

Wenn sich Trittin nun genötigt sieht, eine Selbst- verständlichkeit zu sagen, wie: "Der Mord an Buback gehört zu den schlimmsten Verbrechen, die der Terrorismus in Deutschland in den 70er Jahren begangen hat", ist dies keine Selbstverständlichkeit. Es ist empörend, wenn ein Mensch zum Erhalt seines Ministerpostens gezwungen werden kann, sich gegen die implizite Unterstellung, mit dem Terrorismus zu sympathisieren, distanzieren zu müssen. Das ist demütigend für jeden denkenden Menschen.

Nun zum "Buback-Nachruf" selbst:
Ich war damals ein junger Student, der glücklicherweise in seiner Einstellung zur Gewaltfreiheit einerseits und andererseits in seiner kritischen Haltung gegenüber dem in der Bekämpfung und gleichzeitigen Bewässerung des terroristischen "Sumpfes" völlig verhärteten Staat, einigermaßen gefestigt war. Ich erlebte, wie eine Hetzkampagne gegen den "Buback-Nachruf" fast alle Medien auf Linie brachte und zwang, den nur durch das aus dem Zusammenhang herausgerissene Zitat zweier Worte verunglimpften Text wider alle Vernunft einseitig als pro-terroristisch abzustempeln. Ich erlebte, wie dieser Zwang, diese "strukturelle Gewalt", ansonsten intelligente MitstudentInnen soweit trieb, sich zu weigern, diesen Text selbst zu lesen und sich selbst ein Urteil zu bilden.

In einem Interview mit dem NDR hat Trittin 1994 - damals war er noch niedersächsischer Umweltminister gesagt: "Es ging damals um den Buback-Nachruf, wo ein Sponti seine sehr emphatische Absage an den Terrorismus mit einigen sehr unstaatsmäßigen Gedanken eingeleitet hat. (...) Das war ein radikal-pazifistischer Aufsatz, der aber dann in einer Weise diskutiert und verboten und kriminalisiert worden ist. Und da hat es Leute gegeben, die haben gesagt 'Nein - wir distanzieren uns davon nicht'. Zu denen habe ich gehört und das halte ich nach wie vor für richtig. (...)"

Auch das ist teilweise Unsinn. Trittin kann ebensowenig wie seine Gegner differenziert denken. Und ebenso offenbart dieses Zitat eine erschreckende Unkenntnis des Pazifismus. Dar "Buback-Nachruf" ist nicht pazifistisch, aber er ist in seiner gesamten Tendenz eine klare Absage an den Terrorismus:
"Ich befürchte aber, daß mit dem Anschlag auf Buback den Genossen die guten Karten aus der Hand geschlagen worden sind, daß hierdurch eine unfreiwillige Amtshilfe für die Justiz geleistet wurde, (...)"
Dies ist eine von Nützlichkeitserwägungen (utilitaristisch) geprägte Absage an den Mord. Aber es ist eine Absage. Und sie hätte - wenn ihre Verbreitung nicht verboten worden wäre - sicher größeren Einfluß auf gewaltbereite junge Menschen gehabt, sich (innerlich !) vom Terrorismus zu distanzieren als pazifistische Außenseiterpositionen. Aber dies war offensichtlich nicht gewollt. Gewollt war eine Polarisierung: Entweder für diesen Staat oder für den Terrorismus. Und vor diesem Staat (Abhörskandal Traube / Maihofer, Februar 1977) begann auch ich mich damals zu ekeln, wenn ich auch keinen Haß auf seine Protagonisten, sondern eher Mitleid empfand. Der deutsche Herbst mit der Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers 1977 stand noch bevor.

Einige weitere Zitate aus dem "Buback-Nachruf":
"(...) ich denke immer noch, daß die Entscheidung zu töten oder zu killen bei der herrschenden Macht liegt, bei Richtern, Bullen, Werkschützern, Militärs, AKW-Betreibern."
"Aber wer und wieviel Leute haben Buback (tödlich) gehaßt. Woher könnte ich, gehörte ich den bewaffneten Kämpfern an, meine Kompetenz beziehen, über Leben und Tod zu entscheiden? Wir alle müssen davon runterkommen, die Unterdrücker des Volkes stellvertretend für das Volk zu hassen, (...)"
"Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen) dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: zur Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden."
Steine zu werfen war im Militanz-Verständnis der Göttinger "Mescaleros", zu denen der Verfasser des anonymen Textes zu zählen ist, durchaus legitim. Aber der Haß, von dem die 'FAZ' hetzerisch schreibt, ist zumindest mit diesem Text eher widerlegt als dokumentiert. Viele der damals aufmüpfigen und die Anpassung verweigernden jungen Menschen waren weniger politisch bewußt als der Verfasser des inkriminierten Textes und - wie die Selbstbetitelung als "Mescalero" schon andeutet - mehr an spätpubertärem Indianer-Abenteuer als symbolischer und kurzfristig angelegter Revolte gegen die väterliche Autorität interessiert. Sie in den terroristischen "Sumpf" abgleiten zu lassen, benötigte erheblichen Anstoß und Bewässerung der schiefen Ebenen von staatlicher Seite - wie eben jenes Verbot des "Buback-Aufrufs".

Auch wenn der dokumentierte Text in Wahrheit widerlegt statt - wie von der 'FAZ' gewünscht - beweist, daß verallgemeinernd von "Haßtiraden" gesprochen werden kann, die entscheidende Frage bleibt, ob die Menschen heute sich die Mühe machen, den - sicher ein wenig kruden - Text zu lesen und sich selbst ein Urteil zu bilden oder der 'FAZ'-Propaganda unbesehen zu vertrauen wie auch 1977 die Mehrheit der Deutschen der 'tagesschau' vertraute, die ebenfalls nur die "klammheimliche Freude" zitierte und das Verdikt "pro-terroristisch" wider alle Vernunft und journalistische Sorgfaltspflicht mittrug...

Klaus Schramm

 

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