3.05.2003

Interview

Sind Eure Jahrgänge politischer ?

Ein Interview mit der Schülerin Bettina Fricke, Mitorganisatorin der Anti-Kriegs-Demo in Lahr

Seit wann, wieviele Tage oder Wochen vor dem 20.03., dem Tag X, war der ja immer deutlicher angekündigte Irak-Krieg an Deiner Schule Gesprächsthema?

Spätestens im Januar war das an meiner Schule unter den SchülerInnen Gesprächsthema. Einer der Anstöße war das Bin-Laden-Video. Überwiegend wurde der Standpunkt vertreten: "Die suchen nur nach einem Grund". Auch als sich abzeichnete, daß der Krieg unter Bruch des Völkerrechts begonnen werden könnte, war das für viele eine entscheidende Frage. In dieser Zeit wurde ein Flyer in Freiburg verteilt, in dem dazu aufgerufen wurde, Antikriegskomitees und Organisationsteams an den Schulen zu gründen. Darin ist auch von Schulstreik und Demonstrationen um 11 Uhr am Tag X die Rede. Viele meinten "Mit Demos verhindern wir einen Krieg auch nicht mehr. Aber selbst wenn das so ist: es geht ja auch darum, Widerstand zu zeigen! Es ist schließlich ein Unterschied, ob Bush das Völkerrecht bricht und ohne Beweise Krieg führt und die Welt schweigt, oder ob sich weltweit die Menschen erheben und zeigen, daß sie das nicht akzeptieren. Und dann hat das Argument, daß man den Politikern, die gegen Krieg sind, den Rücken stärkt, auch einige überzeugt.

Seid Ihr unabhängig von den LehrerInnen miteinander ins Gespräch gekommen? Ging es von SchülerInnen aus, die bereits in der SMV / im SchülerInnenrat aktiv waren / sind oder wurden durch den immer wahrscheinlicher werdenden Irak-Krieg auch andere aktiv?

Es ging von uns SchülerInnen aus. Die SMV spielte keine besondere Rolle. Daß irgendwelche linken Gruppen die Schulstreiks "gemanagt" hätten, wie vielfach behauptet wurde, kann ich zumindest für die Schulen in Lahr nicht bestätigen.

Es hieß auch, von Seiten der LehrerInnen sei das Thema Krieg so oft im Unterricht zur Sprache gebracht worden, daß es vielen bereits "zum Hals heraus hing"?

Also bei uns war der Irak-Krieg nur zweimal Thema - einmal in dem einen, einmal in einem anderen Unterrichtsfach. Von "viel" kann gar nicht die Rede sein. Allerdings war dieser Krieg selbst eine Art "Initialzündung", die dazu veranlaßte, etwas zu tun. Denn nichts zu tun, hieße ja stille Zustimmung.

Wie seid Ihr mit der in der Friedensbewegung und in der Linken heftig diskutierten Frage umgegangen, ob ein Nein zum Irak-Krieg nicht zugleich eine Unterstützung des irakischen Regimes bedeuten würde? Oder war das bei Euch kein Thema?

Es war schon eines der Diskussionsthemen: "Wie kann Saddam Hussein sonst gestürzt werden ?" Die meisten waren der Meinung, daß es gestürzt werden müsse - aber nicht mit Krieg.

Vermutlich wurde es auch an Eurer Schule kontrovers diskutiert, ob bereits am Vormittag demonstriert werden sollte - also auch evtl. Repressalien in Kauf genommen werden - oder lieber "brav" erst nach Schulschluß, dann aber mit weniger Öffentlichkeitswirkung?

Das wurde zwar diskutiert und wir waren zunächst mehrheitlich dafür, vormittags zu demonstrieren. Wir hatten aber ein Gespräch mit dem Rektor, bei dem er argumentierte, wem die Sache wichtig sei, könne auch am Nachmittag zur Demonstration kommen. Dann kam noch die Schwierigkeit dazu, daß wir nicht vorhersehen konnten, ob der Kriegsbeginn, der Tag X, in die Schulferien fallen würde, wir aber einen Zeitpunkt für die Demo auf einem Flugblatt veröffentlichen wollten. Also beschlossen wir für eine Demo um 17 Uhr zusammen mit dem Lahrer Friedensforum aufzurufen.

War Euch am 20.03. vormittags bekannt, daß vom baden-württembergischen Kultusministerium über die Schulämter die Anweisung gegeben worden war, "Schulstreiks" - also Anti-Kriegs-Demos während der Schulzeit, zu unterbinden?

Davon habe ich erst viel später erfahren.

Wie beurteilst Du die Haltung der Bundesregierung? Sind deren Friedensbekenntnisse glaubwürdig? Spielt für Dich und SchülerInnen Deines Alters bei der Beurteilung dieser Frage die Rolle Deutschlands im Kosovo-Krieg und im Afghanistan-Krieg eine Rolle?

Das ist sehr unterschiedlich. Für mich spielt beispielsweise ein starke Rolle, daß ich Schröder selbst auf einer Wahlkampfveranstaltung erlebte. Ich hatte den Eindruck, daß er erst durch die breite Stimmung in der Bevölkerung ein Nein zum Irak-Krieg in den Mittelpunkt des Wahlkampfs gerückt hat. Ich kann mich auch daran erinnern, daß er Amerika nach dem 11. September 2001 "uneingeschränkte Solidarität" zugesichert hat. Also daß er nicht GENERELL gegen Kriege ist.

Wie schätzt Du die weitere Entwicklung ein? Die große Beteiligung an den Anti-Kriegs-Demos von SchülerInnen war ja für alle Seiten sehr überraschend. Am 20.03. waren auf dem Augustinerplatz in Freiburg rund 10.000 junge Menschen - wohl überwiegend SchülerInnen. Sind Eure Jahrgänge politischer als die, die jetzt zwischen 20 und 25 sind, noch neu im Berufsleben, arbeitlos sind oder gerade studieren?

Auf jeden Fall will ich mal sagen, daß wir SchülerInnen selbst entscheidend für die starke Mobilisierung zu den Demos waren. Die hohe Beteiligung an den Demos wird wahrscheinlich auch der Empörung über den Völkerrechtsbruch und die mangelnden Beweise zuzuschreiben sein. Ein Krieg wird eher akzeptiert, wenn triftige Gründe vorliegen.

Ob unsere Jahrgänge politischer sind? Schwer zu beurteilen, aber es scheint mir schon ein bißchen so. Früher gab es ja z.B. die linken StudentInnen die sehr aktiv waren. So was gibt es ja heute nicht mehr so. Und es ist ja schon sehr auffällig, daß bei den Demos sehr viele SchülerInnen waren.

Wie meinst Du wird die Resonanz bei Euch SchülerInnen zu den Ostermärschen sein?

Es wird eher weniger los sein, weil sehr viele das einfach nicht gewußt haben. Dazu kommt, daß es recht umständlich ist, nach Stuttgart zu kommen. Aber ich denke, wichtig ist, daß auch wir als SchülerInnen gezeigt haben, daß wir gegen diesen Krieg sind. Und daß das so ist, war bei den Demonstrationen Anfang des Jahres ja deutlich zu sehen! Zudem habe ich vor, mich weiter beim Lahrer Friedensforum zu beteiligen.

Danke für das Gespräch.

 

Das Interview führte Klaus Schramm, der sich an dieser Stelle dafür entschuldigt, daß bis zur Veröffentlichung so viel Zeit verging.

 

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