10.05.2004

Artikel

Kant-Weltbürger-Preis
in Freiburg verliehen

Gianfranco Mascia und Andreas Zumach teilen sich den erstmals verliehenen Preis

Am Sonntag, den 9. Mai, wurde der erste Kant-Weltbürger-Preis in Freiburg an zwei friedenspolitisch engagierte Publizisten verliehen. Ausgelobt hatte den Preis die erst dieses Jahr von einem Freiburger Gymnasial-Lehrer ins Leben gerufenen Stiftung "Europas Erbe als Auftrag - Freiburger Stiftung zur Förderung eines kantischen Weltbürger-Ethos". Gianfranco Mascia, Grafiker, Publizist, Bürgerrechtler und Mitbegründer der grünen Partei Italiens, und Andreas Zumach, in Genf mit Schwerpunkt UNO-Berichterstattung tätiger deutscher Journalist und Friedensaktivist, teilen sich den Preis, der mit 15.000 Euro dotiert ist.

Dr. Berthold Lange, Stifter und Gastgeber im Runden Saal des Konzerthauses in Freiburg, sprach zur Begrüßung eine kurze Einführung. Er stellte die Ideen Kants zum freien Gebrauch der Vernunft in einen Zusammenhang mit dem nach seiner Auffassung "nicht beendeten Prozeß der Aufklärung", der von ihm konstatierten "Monopolisierung der Medienmacht" und einigen von ihm als grundlegend angesehenen Konzepten bei der Gründung der Europäischen Union. Am 9. Mai 1950, anläßlich der Gründung der für die europäische Einigung fundamentalen Montan-Union, habe der französische Außenminister Robert Schuman noch von einem "Primat der Politik vor der Wirtschaft" ausgehen können. Und während sich heutige Politiker in ihrem angeblichen Pragmatismus auf Helmut Schmidt und dessen Bonmot "Wer Visionen habe, müsse zum Psychiater" beriefen, habe sich Konrad Adenauer - so Berthold Lange - zur Vision eines Europas als Friedensmittler zwischen den Großmächten USA und UdSSR bekannt.

Die Reihe der Vorträge wechselte mit Darbietungen der Violinistin Yoriko Muto, die Werke von Ysaÿe, Milstein und Johann Sebastian Bach interpretierte. Sicherlich war die Nationalität der außergewöhnlichen Musikerin zugleich als subtiler Hinweis auf die ungezwungenen Verbindungen, die das europäische Kulturerbe auch in globaler Hinsicht längst eingegangen ist, zu verstehen.

Die Festrede hielt der Kant-Spezialist und Tübinger Philosophie- professor Otfried Höffe. Obwohl Immanuel Kant, nicht sehr reisefreudig, den weitaus größten Teil seines Lebens in der Universitätsstadt Königsberg zubrachte, sei er das Musterbeispiel eines europäischen Weltbürgers. Höffe begründete diese These mit der immensen Ausstrahlung der Philosophie Kants: zunächst nach Osten, dann auch nach Westen, nach Frankreich und England. Mit seinen philosophischen Theorien zu Wissen, Moral und Recht habe Kant drei kulturelle Grundbausteine freigelegt, und damit ein "globalisierungs- fähiges Prinzip" geschaffen. Selbstverständlich kam Höffe auch auf Kants Rechtstheorie und insbesondere dessen Schrift "zum ewigen Frieden" zu sprechen. Als Kernpunkte hob er die Forderung Kants, die stehenden Heere nach und nach abzurüsten, und dessen Interventionsverbot in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten hervor. Höffe konnte sich hierbei einer Anmerkung nicht enthalten und mutmaßte, Kant hätte vielleicht angesichts heutiger "humanitärer Katastrophen" streng definierte Ausnahmen formuliert.

Weiter führte Höffe einige Gedanken zu Kants Vision einer "subsidiären Weltorganisation" und zu dessen Begriff eines Weltbürgerrechts aus. Schließlich wies er auf die scharfe Abrechnung Kants mit der Kolonialpolitik hin und begab sich denn doch noch aufs glatte Parkett der Politik, indem er einen "Ausbau der Weltverrechtlichung" behauptete. Und mit der Erklärung, Kants kosmopolitisches Denken gründe unter anderem auf dessen Verständnis absoluter Kategorien wie der des Raums, zeigte sich Höffe als Apologet eines philosophischen Idealismus, der weder nicht-euklidische Geometrie noch Einsteinsche Relativität des Raums zur Kenntnis nimmt. Grundlegende Gedanken zur Demokratie formulierte Höffe unter Rückgriff auf Aristoteles, indem er hervorhob, daß nur der sich seiner Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft bewußte Bürger als "vollständiger Mensch" angesehen werden könne.

Gianfranco Mascia, der als vehementer Gegner des gegenwärtigen italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi vorgestellt wurde, macht bereits seit über zehn Jahren durch öffentlichkeitswirksame Aktionen gegen demokratiefeindliche Bestrebungen in Italien auf sich aufmerksam. Geboren wurde Mascia in am 3. Juli 1961 Bari. Er ist verheiratet, Vater dreier Kinder und lebt in Ravenna. Von Beruf Graphiker, engagierte er sich bereits seit seiner Jugend für Demokratie und Bürgerrechte, war Mitbegründer der Grünen in der Emilia Romagna und Gründer sowie aktives Mitglied mehrerer Bürgerinitiativen für Umweltschutz und für Frieden. Auch als Autor und Organisator verschiedener Bürgerinitiativen gegen Berlusconi tat sich Mascia hervor. Schwerpunkte sind dabei die Verteidigung einer unabhängigen Justiz, der Kampf gegen die Monopolisierung der Medien insbesondere im privaten und staatlichen TV.

Mascia ließ sich auch nicht von massiven Drohungen aus dem Umfeld Berlusconis und einem gewalttätigen Überfall von Unbekannten auf sein Büro von seinem Engagement anhalten. Mit pfiffigen Ideen trägt er zur Popularität des Widerstands gegen die Politik Berlusconis bei, eines Widerstandes, der mit Veranstaltungen in allen großen Städten Italiens, mit Kundgebungen und mit Sendungen bei kleinen lokalen TV-Stationen immer mehr Zulauf gewinnt. Insbesondere spielt das Internet (www.bobi2001.it, www.giustizia.it, www..igirotondi.it) eine wachsende Bedeutung als Gegengewicht gegen die Medienmacht Berlusconis. Durch werbewirksame Sprüche wie "Alle sind vor dem Gesetz gleich außer einem", greift er die auch europaweit als auf die Person Berlusconis zugeschnitten kritisierten, italienischen Sondergesetze an. Dabei scheint jedoch manchmal auch ein Griff daneben zu gehen, denn Mascia verglich Berlusconi in seiner Rede unter anderem mit einem Virus. Eine Gemeinsamkeit mit Andreas Zumach, mit dem er sich den Preis teilt, ist dagegen sein vehementes Friedens-Engagement, das sich unter anderem in der Beteiligung Mascias an den Protesten gegen den Irak-Krieg zeigte.

Hans von Sponeck, der zusammen mit Andreas Zumach das Buch "Irak. Chronik eines gewollten Krieges" geschrieben hat, griff als Stichwort die bereits von Berthold Lange angesprochene und im Italien Belusconis nahezu perfektionierte "Monopolisierung der Medienmacht" auf. Er wies auf "auf eines der größten Versagen des Journalismus" hin, während und bereits in der Zeit vor dem Irak-Krieg nicht nachzufragen und sich mit der Oberfläche zufrieden zu geben. Von Sponeck war von 1998 bis 2000 humanitärer Koordinator der UNO im Irak1 und hatte sein Amt aus Protest gegen die inhumane "Geiselnahme des irakischen Volks" durch eine ungezielte Sanktionspolitik, die über Jahre hin vorgab, Saddam Husseins Fügsamkeit erzwingen zu wollen, niedergelegt. Das irakische Volk wurde für etwas bestraft, wofür es nichts konnte, für einen grausamen Diktator, der mit Hilfe der USA an die Macht gekommen war - so von Sponeck. Und bitter merkte er an, daß sich offenbar Macchiavelli durchgesetzt habe und Kant allein als Trost für Idealisten bliebe. Andreas Zumach allerdings habe - so seine persönliche Beobachtung - immer das Ideal verfolgt, der Wahrheit so nahe wie möglich zu kommen.

1954 in Köln geboren, ist Andreas Zumach bereits seit seinem Studium (1975 bis 1979) als Journalist tätig. Und seit mehr als 20 Jahre engagiert sich Zumach in der Friedensbewegung. Bekannt ist er durch Beiträge im "Presseclub" und "Weltspiegel" der ARD, im Deutschlandfunk, BBC (German Service) und aus mehreren deutschsprachigen Zeitungen. Aufsehen erregte seine in der tageszeitung 'taz' veröffentlichte Recherche über die geheime Liste der Irak-Waffenlieferanten und durch das zusammen mit Hans von Sponeck verfaßte Buch.

Andreas Zumach nutze seine Dankesrede - wie kaum anders zu erwarten - , um auf einige aktuelle Entwicklungen hinzuweisen. So schreibe die jetzt vorliegende EU-Verfassung im Gegensatz zur Vision Kants und im Unterschied zu allen ihm bekannten Verfassungen erstmalig eine Verpflichtung zu steigenden militärischen Ausgaben fest. Rechte würde hingegen abgebaut, das Europäische Parlament bekäme weniger Rechte und der Auftrag von Robert Schuman und Konrad Adenauer werde ins Gegenteil verkehrt. Gleichgültig, ob sie sich mit den politischen Thesen Andreas Zumachs identifizierten, machten die Gäste dieser Preisverleihung mit ihrem Applaus deutlich, daß sich Zumach des - weniger bekannten - Kantschen Imperativs, die eigene Vernunft frei zu gebrauchen, gewachsen zeigte.

 

Klaus Schramm

 

Anmerkung:

1 Siehe auch den Artikel
    'Ein Volk in Geiselhaft' v. 29.11.01

 

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