17.01.2011

Patrice Lumumba - mehr als ein Symbol
Am 17. Januar 1961 ermordet

Patrice Lumumba Als die europäischen Mächte Afrika wie ein großes Stück Kuchen untereinander aufteilten, fiel der Kongo, das riesige Land im Herzen Afrikas, an König Leopold von Belgien. Obwohl unter dem Deckmantel der Zivilisierung (heute heißt es zur Legitimation etwa "Verhinderung einer humanitären Katastrophe") war die belgische Herrschaft selbst im Vergleich zu den anderen grausamen europäischen Herrschaften extrem barbarisch.

Die Beute Belgiens bestand damals hauptsächlich in Elfenbein, Gummi und Kupfer. Von Bedeutung waren auch die Bodenschätze an Uran, Gold, Zinn, Cobalt, Diamanten, Mangan und Zink. Später kam das sowohl für die Rüstungs- als auch für die Elektrotechnik unentbehrliche Coltan hinzu. Nicht zu vergessen sind neben Elfenbein und Gummi die rücksichtslos ausgebeuteten Agrar-Ressourcen Baumwolle, Edelhölzer und Palmöl. Diese "Kolonialwaren" bescherten Belgien unermeßlichen Reichtum. Dafür starben allein in den ersten 30 Jahren belgischer Herrschaft im Kongo 15 Millionen Menschen. Dem Kongo gelang es erst 1960 das belgische Kolonial-Regime wenigstens dem Namen nach zu beenden.

Die "Zivilisation" zeigte sich am Ende der Kolonial-Herrschaft darin, daß kaum eine Infrastruktur bestand. Belgien hatte lediglich das zum Abtransport der Schätze unabdingbar Minimum an Verkehrswegen aufgebaut. 1960 besaßen im Kongo weniger als 30 Einheimische einen College-Abschluß. Es gab einen einzigen einheimischen Arzt, einen einzigen einheimischen Ingenieur. Doch das Ende der Kolonial-Herrschaft bedeutete zunächst, daß große belgische Konzerne über Holdings die Kontrolle zu erhalten versuchten. Zusammen mit der US-amerikanischen Regierung (anfangs Eisenhower, dann - nicht weniger skrupellos - Kennedy) versuchte die belgische Regierung ihren Einfluß im Hintergrund aufrecht zu halten.

Trotzdem gewann zu ihrem Mißvergnügen ein unabhängiger Kopf, der sich weder vom Westen noch von der UdSSR einspannen lassen wollte, die Wahl zum ersten Premierminister des Kongo. Patrice Lumumba, ein junger Autodidakt, wurde am 30. Juni 1960 im Alter von 34 Jahren Regierungs-Chef des neuen unabhängigen Staates. Er wollte die Bodenschätze der Kontrolle der ausländischen Mächte entziehen. Aus dem Kongo stammte etwa das Uran zum Bau der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki - genauer: aus der südkongolesischen Bergbauregion Katanga, die für die Geschichte des Kongo eine bedeutende Rolle spielte und wo sich noch heute die Abraumhalden belgische Kupferminen finden.

Der am 2. Juli 1925 geborene Patrice Lumumba war 1958 einer der Gründer der für die Unabhängigkeit des Kongo kämpfenden Partei Mouvement National Congolais (MNC). Die MNC war als einzige Partei in sämtlichen Provinzen des Kongo verankert. Lumumba nahm bald eine führende Position in der MNC ein. Großen Einfluß auf die politischen Überzeugungen Lumumbas hatte dessen Teilnahme an der Panafrikanischen Konferenz 1958 in Accra unter Leitung des Präsidenten von Ghana, Kwame Nkrumah. Lumumba war bald als ein Wortführer der Unabhängigkeitsbewegung im Kongo anerkannt. Er erregte Aufsehen, als er am 28. Dezember 1958 bei seiner erster Kundgebung am Platz des Sieges in Kinshasa vor Tausenden Anhängern sagte: "Ihr alle schlaft. Ihr denkt, daß ihr die Unabhängigkeit auf einem Silbertablett geschenkt bekommt. Aber man muß dafür kämpfen." Im Oktober 1959 wurde Lumumba verhaftet und gefoltert, aber am 25. Januar 1960 freigelassen.

Die MNC gewann bei den Parlamentswahlen am 25. Mai 1960 die meisten Stimmen. Trotz des Widerstandes der weißen Siedler und kongolesischer Clanführer wurde Patrice Lumumba am 30. Juni 1960 zum ersten Premierminister des neuen unabhängigen Staates gewählt. Beim Festakt zur Unabhängigkeitsfeier spielte Lumumba nicht die vorgesehene Rolle eines dankbaren Untertanen, der nun Dank der Gnade des Herrschers die Freiheit als Geschenk in Empfang nehmen darf. In einer Rede widersprach er dem belgischen König Baudouin I., der die "Errungenschaften" und die "zivilisatorischen Verdienste" der Kolonialherrschaft lobte. In Anwesenheit des Königs und der versammelten Honoratioren aus dem In- und Ausland widersprach Lumumba dieser Darstellung und prangerte, an König Baudouin I. gewandt, die Unterdrückung, Mißachtung und Ausbeutung durch die belgische Kolonial-Verwaltung an:

"Wir haben zermürbende Arbeit kennengelernt und mußten sie für einen Lohn erbringen, der es uns nicht gestattete, den Hunger zu vertreiben, uns zu kleiden oder in anständigen Verhältnissen zu wohnen oder unsere Kinder als geliebte Wesen großzuziehen. (...) Wir kennen Spott, Beleidigungen, Schläge, die morgens, mittags und nachts unablässig ausgeteilt wurden, weil wir Neger waren. (...) Wir haben erlebt, wie unser Land im Namen von angeblich rechtmäßigen Gesetzen aufgeteilt wurde, die tatsächlich nur besagen, daß das Recht mit dem Stärkeren ist. (...) Wir werden die Massaker nicht vergessen, in denen so viele umgekommen sind, und ebenso wenig die Zellen, in die jene geworfen wurden, die sich einem Regime der Unterdrückung und Ausbeutung nicht unterwerfen wollten."

Die belgische Regierung sah Lumumba als Gefahr, da er als Sozialist die reichen Bergbau- und Plantagen-Gesellschaften verstaatlichen wollte. Der belgische Staat übte auf die Medien Druck aus, um das Ansehen Lumumbas zu untergraben. Die belgische Presse bezeichnete ihn als "Kommunisten" und "Weißen-Hasser", was er immer zurückwies. Eine deutsche Zeitungskarikatur bezeichnete Lumumba sogar als "Negerpremier". Zugleich erregte Lumumba das Mißtrauen der sowjetischen Machthaber, weil er den Kongo in der Block-Konfrontation auf einem neutralen Kurs halten und sich nicht - wie viele andere - in die Abhängigkeit Moskaus begeben wollte. Als Vorbild diente Lumumba die Unabhängigkeit Ghanas, das als einziger Staat nach Indien die Unabhängigkeit in einem jahrelangen gewaltfreien Kampf 1957 errungen hatte. Mit Hilfe eines angeblich vom CIA abgefangenen Telegramms an Moskau, das Lumumbas Bitte um wirtschaftliche Hilfe enthielt, wurde die Propaganda verbreitet, Lumumba wolle das Land dem Einflußbereich der Sowjetunion zuführen.

Bereits kurz nach dem Amtsantritt Lumumbas brachen im ganzen Land von außen gesteuerte Unruhen aus. Die von belgischen Militärkommandanten geführte Kolonialarmee (Force publique) meuterte wegen der von der Regierung beschlossenen Afrikanisierung der Armeeführung. Die reiche Provinz Katanga sollte unter dem Chef der Separatisten Moïse Tschombé mit der Unterstützung belgischer Söldner und der mächtigen belgischen Kuppfergesellschaft UMHK abgespalten werden. Auch die Provinz Süd-Kasai drohte aus der kongolesischen Republik herausgebrochen zu werden - mit Hilfe der reichen Diamanten-Gesellschaft MIBA.

Am 12. Juli 1960 flog Lumumba in die Provinz Katanga, wo eine von außen gesteuerte Abspaltung vom Kongo proklamiert worden war. Dort stationierte belgische Truppen verweigerten ihm jedoch die Landeerlaubnis. Lumumba ersuchte darauf die UNO und deren Generalsekretär Dag Hammarskjöld um Hilfe und erklärte Belgien den Krieg. Belgien verstärkte daraufhin seine Truppenpräsenz in Katanga und die UNO entsandte erste Verbände nach Léopoldville (Kinshasa).

Staatspräsident Joseph Kasavubu, der laut Verfassung nur repräsentative Kompetenzen besaß, verbündete sich mit Unterstützung der USA mit Oberst Joseph Mobutu gegen Lumumba. Der Ministerpräsident wurde am 5. September 1960 auf Drängen der USA aus seinem Amt entlassen. Darauf erklärte Lumumba Staatspräsident Kasavubu für abgesetzt. Einen Tag später, am 6. September, machte das kongolesische Parlament Lumumbas Entlassung wieder rückgängig. Doch am 12. September veranlaßte Kasavubu die neuerliche Entlassung und beauftragte den neuen Oberkommandierenden der Armee, Mobutu, mit der Verhaftung Lumumbas. Lumumba konnte sich der Verhaftung jedoch entziehen.

Patrice Lumumba Am 14. September 1960 übernahm die Armee unter Mobutu in einem mit den USA abgesprochenen Putsch die Macht. Kasavubu blieb offizielles Staatsoberhaupt. Lumumba wurde unter Hausarrest gestellt. Am 27. November gelang Lumumba die Flucht aus Léopoldville, kurz darauf wurde er aber bei Mweka festgenommen und nach Thysville gebracht. Nach einer Militärmeuterei in Thysville wurden Lumumba am 13. Januar 1961 nach Katanga an den dortigen Machthaber von westlichen Gnaden Moïse Tschombé ausgeliefert.

Die Amtszeit Lumumbas dauerte nur zwei Monate. Sein Tod wurde von einer belgischen Zeitung mit dem Titel "Der Tod des Satans" (La mort de Satan) gefeiert. Es ist inzwischen einiges Material zu Tage gekommen, das belegt, daß er vom belgischen Geheimdienst und mit aktiver Unterstützung des CIA ermordet wurde. Über die genauen Todesumstände Lumumbas waren lange Zeit nur Gerüchte in Umlauf. So hieß es etwa, er sei bereits auf dem Flug in die Region Katanga so schwer mißhandelt worden, daß er kurz nach der Ankunft starb. Aber François Lumumba, der Sohn von Patrice, erhob Anklage in Belgien, um die Umstände der Tötung seines Vaters aufzuklären. Eine im Jahr 2002 - erst 41 Jahre nach dem Tod Lumumbas - einberufene Fachkommission des belgischen Parlaments konnte die Ereignisse um Lumumbas Tod teilweise rekonstruieren.

Demnach wurde Lumumba zusammen mit zwei Begleitern von Mobutus Männern festgenommen, per Flugzeug zu Moïse Tschombé nach Katanga ausgeliefert und dort in eine Waldhütte gebracht. Lumumba und seine Gefolgsleute Okito und Mpolo wurden gefoltert. Danach erschienen seine politischen Gegner - Tschombé, Kimba und belgische Politiker -, um sie zu beschimpfen und sie anzuspucken. Am 17. Januar 1961 wurden Patrice Lumumba und seine beiden Gefolgsleute von katangischen Soldaten unter belgischem Kommando erschossen und zunächst an Ort und Stelle vergraben. Um die Tat zu vertuschen, wurden die Leichen wenige Tage später ausgegraben. Lumumbas Leichnam wurde zerteilt, mit Batteriesäure aufgelöst, die von einer belgischen Minengesellschaft gestiftet wurde, und schließlich verbrannt. Die Tötung wurde den BewohnerInnen eines Dorfs angelastet. Die meisten Medien bezeichneten dagegen Tschombé als Verantwortlichen für die Ermordung Lumumbas.

In ihrem Schlußbericht kam die belgische Parlaments-Kommission zu dem Ergebnis, daß der belgische König Baudouin von den Plänen zur Ermordung Lumumbas wußte. Fest steht, daß die belgische Regierung die Lumumba feindlich gesinnten Kräfte im Kongo logistisch, finanziell und militärisch unterstützte. Ein Großteil der Schuld wird unmittelbar König Baudouin zugeschrieben, der unter Umgehung der politischen Instanzen seine eigene postkoloniale Politik betrieben haben soll. Frühere Untersuchungen waren allerdings zu dem Ergebnis gekommen, daß die Ermordung Lumumbas direkt von den Regierungen Belgiens und der USA angeordnet und vom amerikanischen Geheimdienst CIA und örtlichen, von Brüssel finanzierten Helfern ausgeführt wurde. Das Church Committee veröffentlichte in den Jahren 1975 und 1976 Dokumente, die nahelegen, daß US-Präsident Dwight D. Eisenhower schon im August 1960 der CIA den Befehl erteilt hatte, Lumumba zu ermorden.

Die mit dem Grimme-Preis in Gold ausgezeichnete TV-Dokumentation "Mord im Kolonialstil" von Thomas Giefer aus dem Jahre 2000 zeichnet die damaligen Ereignisse anhand von Interviews mit mehreren ehemaligen Mitarbeitern und Offizieren der CIA und des belgischen Geheimdienstes nach. Diese geben darin erstmals vor laufender Kamera zu, persönlich an der Tötung Lumumbas und seiner Begleiter sowie der Beseitigung der sterblichen Überreste beteiligt gewesen zu sein. Der ehemalige belgische Polizeikommissar Gérard Soete besaß noch die Schneidezähne von Patrice Lumumba, die er auch vorzeigte.

Nach Lumumbas Tod installierte der CIA 1965 die Diktatur Mobutus, der 32 Jahre lang an der Macht bleiben konnte. Mobutu, der USA stets zu treuen Diensten, taufte das Land in 'Zaire' um, ließ unzählige Menschen ermorden und hortete ein Vermögen von zuletzt 5 Milliarden US-Dollar. Die dem Land geraubten Schätze hatten allein einen Marktwert von mindestens 100 Milliarden US-Dollar.

Patrice Lumumba wurde zu einem politischen Mythos und gilt als Vorkämpfer der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung. Sein Einsatz und sein Opfertod im Kampf um die Freiheit des Kongo von der kolonialen Herrschaft machten Lumumba zu einer Symbolfigur des antiimperalistischen Kampfes in Afrika. Die Sowjetunion, die ihrerseits Afrika lediglich als Lieferant für Rohstoffe betrachtete und daher ähnlich wie die Westmächte unter Führung der USA ausschließlich ein Interesse an Vasallen-Regimes hatte, versuchte den Mythos Lumumba für sich zu reklamieren. Von 1961 bis 1992 war die "Universität der Völkerfreundschaft" in Moskau nach Lumumba benannt.

 

REGENBOGEN NACHRICHTEN

 

Anmerkungen

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