21.12.2008

Wer verursachte 1988
die Lockerbie-Katastrophe?

Nach wie vor Zweifel an der Beteiligung des Libyers
Ali al Megrahi

Am 21. Dezember 1988 zerriß eine Explosion den Jumbo der US-amerikanischen Luftfahrtgesellschaft PamAm mit der Flugnummer 103. Aus über 9 Kilometern Höhe stürzte das Flugzeug mit 259 Menschen an Bord auf die südschottische Kleinstadt Lockerbie. Insgesamt 270 Menschen kamen ums Leben. Eine Mutter hielt ihr Baby so fest, daß die beiden in der Umklammerung am Boden gefunden wurden. Außer der Besatzung des Flugzeugs kamen 11 Menschen aus Lockerbie ums Leben. Rund 90 Tonnen Kerosin des erst eine Stunde zuvor vollbetankten Flugzeugs wirkten am Boden wie eine zweite Bombe.

Seit 2001 sitzt der libysche Staatsangehörige Ali al Megrahi, der nach wie vor seine Unschuld beteuert, in einem schottischen Gefängnis. Das libysche Regime unter Muammar al Gaddafi hatte ihn geopfert, um seine internationale Reputation aufzubessern und sich den Staaten der "westlichen Wertegemeinschaft" anzubiedern. Nach wie vor ist bemerkenswert, daß das Urteil vom 2001 lediglich auf schwachen Indizien beruhte und erhebliche Zweifel an der Schuld Ali al Megrahi bis heute nicht ausgeräumt werden konnten. Der renommierte Journalist Cay Rademacher hatte als einer von Wenigen die gegenüber der offiziellen Version unkritische Einheitsfront der Mainstream-Medien durchbrochen und über Unstimmigkeiten im Falle Lockerbie berichtet (Februar-Ausgabe des Magazins 'Geo' im Jahr 2000).

Als relativ sicher darf auch heute gelten, daß ein Sprengsatz im Frachtraum des Jumbo in einem braunen Hartschalen-Koffer der Marke Samsonite explodierte. Dieser Koffer war neben anderen Gepäckstücken im Aluminium-Container mit der Nummer AVE 4041 verstaut. Der Plastik-Sprengstoff riß bei der Explosion ein riesiges Loch in die linke vordere Rumpfseite des Jumbos. Der Bug der Maschine brach weg und in eisiger und extrem dünner Luft verloren Crew und Passagiere sofort das Bewußtsein.

Am Dienstag, 13. Dezember 1988, eine Woche vor dem Lockerbie-Anschlag war in der US-Botschaft in Moskau eine "Verwaltungsnotiz" unterschrieben worden. Aus dieser geht hervor, daß die Nationale Luftfahrtbehörde FAA die Botschaft davon unterrichtet hatte, am 5. Dezember 1988 habe ein anonymer Anrufer vor einem Bomben-Anschlag auf ein zwischen Frankfurt und den USA verkehrendes Flugzeug der PanAm gewarnt. Da die Information nicht bestätigt werden konnte, überließ es die Botschaft allen Angestellten, selbst zu entscheiden, ob sie ihre Reisepläne ändern oder auf eine andere Luftfahrtgesellschaft wechseln wollten.

Der anonyme Anrufer hatte sich in Helsinki gemeldet. Da solche Warnungen relativ häufig sind, erfährt über einen kleinen Kreis von Eingeweihten niemand hiervon. Die Warnung vom 5. Dezember 1988 muß jedoch aussagekräftiger gewesen sein als die Mehrzahl solcher anonymer Anrufe, denn sonst hätte die FAA nicht die Botschaften unterrichtet.

Libyen ist zu dieser Zeit international isoliert und Muammar al Gaddafi gilt als Finanzier von Terrorgruppen. Der Bomben-Anschlag auf die bei US-amerikanischen Soldaten beliebte Discothek La Belle in Berlin im April 1986, bei dem drei Menschen ums Leben kamen, wurde ohne Beweise Libyen zugeschoben. Bereits am Tag nach dem Anschlag beschuldigte der damalige US-Präsident Ronald Reagan Gaddafi, das Attentat angeordnet zu haben, um damit die Versenkung zweier libyscher Kriegsschiffe durch US-amerikanische Streitkräfte zu rächen. US-Kampfflugzeuge warfen am 15. April 1986 als Vergeltungsaktion Bomben auf die libysche Hauptstadt Tripolis und auf Benghasi, wodurch 36 ZivilistInnen getötet wurden, darunter eine Adoptivtochter Gaddafis. Am 10. August 2004, willigte das libysche Regime schließlich ein, 35 Millionen US-Dollar an die Opfer des La-Belle-Anschlags zu zahlen.

Um 1988 ist die Lage im Nahen Osten unübersichtlich: Palästinensische Splittergruppen und islamische Extremisten der Hisbollah liefern sich einen unerklärten Krieg mit dem israelischen Staat. Das israelische Militär bombardiert vermeintliche Terroristen-Stellungen im Südlibanon. In Beirut werden seit Jahren westliche Geiseln gefangen gehalten. Iran und Irak führen einen langjährigen opferreichen Krieg, an dem nur die internationalen Waffen-Konzerne ein Interesse haben können.

Merkwürdig ist, daß der Plastik-Sprengstoff im Gewicht von 200 bis 300 Gramm im Jumbo an einer Stelle placiert war, die als eine der sensibelsten der Maschine gelten muß. Der Ort der Explosion lag fast genau auf halber Höhe zwischen Cockpit und Flügelansatz im vorderen Rumpfteil, nur 60 Zentimeter von der Außenhaut und in unmittelbarer Nähe aller wichtigen Kabelverbindungen des Flugzeugs. Doch dieses Detail wurde bisher als Zufall abgetan.

Es handelte sich laut offiziellem Untersuchungsbericht, der im Juli 1990 vorgelegt wurde, um den tschechischen Plastik-Sprengstoff Semtex. In diesem Untersuchungsbericht ist ebenfalls festgehalten, daß sich der Sprengstoff zusammen mit Kleidungsstücken in einem braunen Hartschalen-Koffer der Marke Samsonite befunden haben muß.

Ali al Megrahi, 1988 Direktor des Libyschen Zentrums für Strategische Studien, soll als Sicherheits-Chef der Libyan Arab Airlines (LAA) damals nach Zürich gereist sein, um den Bombenzünder in Empfang zu nehmen. Danach soll er in Malta von einem Kaufmann namens Tony Gauci die Kleider erstanden haben, die später in Lockerbie in den Fetzen des Koffers gefunden wurden, der die Bombe enthielt.

Im August 1989 entdeckten britische Ermittler eine Spur, die nach Malta führte. Ein Teil des Gepäcks von Flug 103 war in Frankfurt aus einem Flugzeug, das aus Malta kam, zugeladen worden. Flug 103 mit Zielort New York wechselte zwar bei der Zwischenlandung in London die Maschine wie dies bei PanAm nicht ungewöhnlich war. Das Gepäck wurde jedoch von einem Flugzeug in das nächste umgeladen. In London wurde jedoch das neu hinzugekommene Gepäck lediglich mit Röntgengeräten durchleuchtet.

Unter rund 11.000 Kleidungsfetzen, die über Lockerbie verstreut geborgen worden waren, fanden sich Reste eines blauen Baby-Strampelanzugs. Dieses Fundstück mit einem Etikett 'Malta Trading Company' ließ sich aufgrund der Sprengstoff-Spuren mit hoher Wahrscheinlichkeit jenem Koffer zuordnen, der die Bombe enthielt. Anfang September 1989 konnten Ermittler im Hafenort Sliema auf Malta die Boutique 'Mary's House' ausfindig machen, wo der blaue Strampelanzug vermutlich verkauft wurde. Der Besitzer, Tony Gauci, gab zu Protokoll, einem Kunden Ende November oder Anfang Dezember 1988 drei Pyjamas, eine braunkarierte Hose und den blauen Baby-Strampelanzug verkauft zu haben. Ihm sei aufgefallen, daß der Kunde, während im TV das Uefa-Pokalspiel zwischen AS Rom und Dynamo Dresden ausgestrahlt wurde, die seltsame Mischung ohne Blick auf Größen und Preise zusammengestellt habe.

Auf einer internationalen Konferenz der Lockerbie-Fahnder in der rheinländischen Kleinstadt Meckenheim berichteten am 14. September 1989 schwedische Beamte von einer Spur, die zur PFLP-GC ("Volksfront zur Befreiung Palästinas - Generalkommando"), einer extremen palästinensischen Splittergruppe, führt. Deren Mitglieder zählten zu den versiertesten Bombenbauern des Nahen Ostens. Im Mai 1989 hatten die schwedischen Ermittler den in Ägypten geborenen PFLP-GC-Agenten Mohammed Abu Talb wegen mehrerer Sprengstoff-Anschläge in Schweden, Dänemark und den Niederlanden verhaftet. Abu Talb hatte im Oktober und November 1988 zweimal Malta besucht.

In Wohnungen Abu Talbs hatten die Ermittler etliche Kleidungsstücke gefunden, die aus Malta stammten, und auf seinem Küchentisch einen Kalender, in dem das Datum des 21. Dezember eingekreist war. Dem Bericht der schwedischen Beamten war zu entnehmen, daß Abu Talb bereits 1985 beobachtet worden war, als er seine Geliebte in Göteborg besuchte. Akribisch wurde dabei auch vermerkt, daß Abu Talb einen braunen Hartschalen-Koffer der Marke Samsonite mit sich führte.

Die PFLP-GC war den Beamten des deutschen Bundeskriminalamtes (BKA) und der Frankfurter Staatsanwaltschaft nicht unbekannt. Die Ermittler hatten am 26. Oktober 1988 - rund zwei Monate vor dem Lockerbie-Anschlag - in der "Aktion Herbstlaub" 16 in Deutschland operierende Mitglieder der PFLP-GC in Neuss und anderen Städten verhaftet, darunter deren Anführer. Die entscheidenden Tips hatten angeblich Agenten des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad geliefert.

Zu den Verhafteten gehörte auch ein Jordanier Mitte Vierzig, der als versierter Bombenbauer galt: 1970 und 1972 waren drei Verkehrsmaschinen auf Flügen von oder nach Israel durch Sprengsätze zerrissen oder beschädigt worden, und westliche Geheimdienste hielten ihn für den Täter. Die Bomben hatte er offenbar regelmäßig in Radios der Marke Toshiba eingebaut. Aus dem Untersuchungsbericht zu Lockerbie geht hervor, daß auch in diesem Fall der Plastik-Sprengstoff mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Radio der Marke Toshiba versteckt war. Noch während der Untersuchungshaft hatte der Jordanier Anweisungen aus der jordanischen Hauptstadt erhalten. Diese stammten ausweislich einer Aktennotiz des deutschen Auslandsgeheimdienstes BND vom 5. November 1988, der den Jordanier abhörte, vom jordanischen Geheimdienst.

Doch schon wenige Tage darauf war der Jordanier wieder auf freiem Fuß - möglicherweise auf Druck westlicher Geheimdienstler, die mit den Jordaniern zusammenarbeiteten. Dabei war bei dem Verdächtigen ein ganzes Waffenarsenal beschlagnahmt worden: Maschinengewehre, Handgranaten, ein Panzerabwehrgeschütz und fünf Kilogramm Plastik-Sprengstoff, der für 25 Flugzeug-Anschläge gereicht hätte. Der Jordanier sowie die übrigen Verdächtigen aus der PFLP-GC wurden mit Ausnahme des Anführers nach wenigen Wochen Untersuchungshaft entlassen. Auch der Anführer der PFLP-GC wurde bereits nach fünf Jahren, einem Drittel der Haftstrafe von fünfzehn Jahren, abgeschoben.

Dieses ungewöhnlich milde Vorgehen der deutschen Behörden ist umso erstaunlicher, als die Polizei im Kofferraum des Autos, das der Anführer der PFLP-GC zusammen mit dem Jordanier benutzt hatte, einen Toshiba-Radiorecorder gefunden hatte, der rund 300 Gramm des Semtex-Sprengstoffes enthielt. Der Plastik-Sprengstoff war so geschickt im Radiorecorder versteckt, daß er selbst beim Röntgen nicht auffiel.

Im November 1988 erhielt das BKA einen Hinweis des jordanischen Geheimdienstes, der offenbar ein Doppelspiel trieb. Der jordanische Bomben-Spezialist der PFLP-GC habe insgesamt fünf Bomben gebaut. Daraufhin untersuchten Kripo-Beamte erneut das Quartier der Gruppe sowie den Keller eines Gemüseladens, über dem der Jordanier gewohnt hatte. Dort fanden sie drei weitere Sprengsätze. Diese waren derart tückisch konstruiert, daß zwei Experten des BKA beim Entschärfen vermutlich einen von mehreren Zünd-Mechanismen übersahen. Als die Bombe explodierte starb einer der beiden Männer und der andere wurde schwer verletzt. Von der fünften Bombe jedoch fehlte jede Spur.

Auf der internationalen Konferenz am 14. September 1989 in Meckenheim - fast ein Jahr nach den Vorfällen von Neuss - stellten deutsche und schwedische Fahnder fest, daß der in Schweden einsitzende Abu Talb enge Kontakte zum Anführer der PFLP-GC in Deutschland unterhalten hatte.

Auch auf die Motive, die die PFLP-GC für den Lockerbie-Anschlag gehabt haben könnte, gibt es Hinweise: Der PFLP-GC, die mutmaßlich jahrelang von der Sowjetunion und Syrien politisch und militärisch unterstützt worden war, ging Ende der 1980er Jahre das Geld aus. Das iranische Mullah-Regime unter Ayatollah Chomeini könnte jedoch als neuer Förderer eingesprungen sein. Am 3. Juli 1988 war im Golf von Persien ein Airbus der Iran Air vom US-Kreuzer 'Vincennes' abgeschossen worden. Die US-Regierung erklärte, die 'Vincennes' habe den zivilen Jet für ein angreifendes Kampfflugzeug gehalten. 290 Passagiere fanden bei dem Absturz den Tod. Ayatollah Chomeini verlangte Vergeltung. Laut Angaben des US-amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA, die dieser später widerrief, sollen zu jener Zeit mehrere Millionen US-Dollar vom Iran auf Konten der PFLP-GC geflossen sein.

Zwei Argumente widersprechen der Hypothese von der Urheberschaft der PFLP-GC beim Lockerbie-Anschlag. Bei der Verhaftung der PFLP-GC-Mitglieder in Neuss wurde eine Kaufhaus-Quittung über 16 Batterien gefunden. Jeder Zünder enthielt vier Batterien. Für eine fünfte Bombe hätten demnach die Batterien gefehlt. Außerdem habe der Sprengsatz, der am 21. Dezember über Lockerbie explodierte, nach Ansicht der Ermittler zwar ebenfalls aus einem Toshiba-Radiorecorder und einer vergleichbaren Menge Plastik-Sprengstoff bestanden - er habe aber nach einem anderen Schaltplan als die Bomben der PFLP-GC funktioniert. Dabei verfügen die Lockerbie-Ermittler jedoch lediglich über ein winziges Fragment eines Schaltkreises, der laut Gerichts-Sachverständigem Teil des Toshiba-Radiorecorders war.

Neben dem Jordanier und der in Deutschland agierenden PFLP-GC-Gruppe kommt Mohammed Abu Talb als Täter in Frage. Immerhin war in seinem Kalender der 21. Dezember markiert und er besaß in Malta hergestellte Kleidungsstücke. Zudem war er im Herbst 1988 in Malta. Er hatte in Skandinavien bereits Bomben gelegt und hatte erwiesenermaßen Kontakt zum Jordanier.

Während sich der Besitzer der maltesischen Boutique Tony Gauci später auf Ali al Megrahi festlegte, protokollierte die Polizei bei einer Vernehmung, daß die Beschreibung Abu Talb am nächsten komme. Doch die US-Regierung soll Gauci nach dem Prozeß gegen den Libyer al Megrahi zwei Millionen US-Dollar ausbezahlt haben, ohne dies je zu deklarieren. Da die Verurteilung al Megrahis im Wesentlichen auf der Aussage Gaucis beruhte, ist mit dessen Glaubwürdigkeit das gesamte Urteil in Frage gestellt.

Gegen die Täterschaft Abu Talbs spricht jedoch, daß dessen auffallende ägyptisch gefärbte Aussprache dem Boutique-Besitzer vermutlich aufgefallen wäre. Sowohl al Megrahi als auch der seinerzeit in schwedischer Haft befragte Abu Talb bestritten die Täterschaft.

Im Sommer 1990 führte das winzige Fragment des Toshiba-Chips auf eine weitere Spur. Im Februar 1988 waren im Senegal zwei Männer verhaftet worden, die knapp zehn Kilogramm Plastik-Sprengstoff mit sich führten und einen Zeitzünder, dessen Platine einen Chip enthielt, der dem in Lockerbie gefundenen Fragment glich. US-amerikanischen Experten gelang es, auf der Platine den weggekratzten Herstellernamen zu rekonstruieren: MEBO. Die MEBO, so ermittelten die Fahnder, ist eine kleine, weltweit tätige Schweizer Firma, die Abhöranlagen, Zeitzünder, Chiffriermaschinen und allerlei weitere Geräte herstellt, für die sich vor allem Militärs und Geheimdienste interessieren.

Das Fragment von Lockerbie und der im Senegal sichergestellte Zeitzünder sind beide vom MEBO-Typ MST-13, der nur in einer Serie mit geringer Stückzahl hergestellt wurde. In einem Fahndungs-Aufruf vom Frühjahr 1992 heißt es, sämtliche jemals produzierten MEBO-Zeitzünder des Typs MST-13 seien an Libyen geliefert worden. Hiermit wurde später auch das Embargo gegen Libyen begründet. Doch bereits 1993 gab MEBO-Chef Edwin Bollier zu Protokoll, diese Zünder nicht nur an Libyen, sondern auch an das Institut für technische Untersuchungen der DDR-Stasi geliefert zu haben. Eine Auskunft, die von einem ehemaligen MfS-Offizier bestätigt wird.

1999 erweiterte Edwin Bollier seine Aussage, nachdem ihm erstmals im September 1999 Ermittler das Fragment im Original gezeigt hatten. Beim Lockerbie-Fragment handele es sich eindeutig nicht um ein Exemplar jener Fertigung, die er seinerzeit nach Libyen geliefert hatte. Anhand von Sägespuren am Rand der Platine sei erkennbar, daß es sich entweder um einen Vorserien-Prototyp oder einen nicht autorisierten Nachbau handele.

Mittlerweile ist überhaupt fraglich, ob es sich beim Zeitzünder der Lockerbie-Bombe überhaupt um einen MST-13 handelte, wie das FBI behauptete. Denn Thomas Thurman, der FBI-Forensiker, der 1990 das Fragment als Teil eines solchen identifiziert haben will, wurde einige Jahre darauf vom FBI gefeuert, weil er in mindestens drei weiteren spektakulären Kriminalfällen der Fälschung von Beweisstücken überführt worden war.

Der mutmaßlich eindeutig feststellbare Termin des Kleider-Einkaufs in der Boutique Tony Gaucis stellte sich als zwei mögliche Termine heraus: Das Hinspiel beim Uefa-Cup zwischen AS Rom und Dynamo Dresden fand am 23. November, das Rückspiel am 7. Dezember 1988 statt. Gucci erinnert sich genau, daß der Fremde sich nach seinem Einkauf an der Tür noch einmal umgedreht habe und wegen einsetzenden Regens einen Schirm kaufte. Nun hat es aber nach den Aufzeichnungen des maltesischen Wetterdienstes am 7. Dezember nicht geregnet, wohl aber am 23. November. Am 23. November war al Megrahi nachweislich nicht auf Malta.

Und auch der Computer-Ausdruck, mit dem die Anklage gegen al Megrahi zu beweisen versuchte, daß der Koffer von Malta über Frankfurt nach London gekommen war, wird selbst vom FBI in Zweifel gezogen. In einem fünfseitigen FBI-Schreiben vom 23. Oktober 1989 heißt es: "Diese Computereintragung macht keine Angaben über die Herkunft des Koffers, der an Bord des PanAm-Fluges 103 verladen werden sollte. Sie gibt auch nicht an, ob der Koffer tatsächlich in die PanAm 103 verladen wurde. Sie sagt nur aus, daß der Koffer unbekannter Herkunft um 13:07 Uhr von Codier-Station 206 an eine Stelle versandt wurde, von der er an Bord des PanAm-Fluges 103 verladen werden sollte."

Hinzu kommt der Fall eines dubiosen Zeugen libyscher Herkunft, der beim Lockerbie-Prozeß eine tragende Rolle spielte. Angeblich erst zweieinhalb Jahre nach dem Lockerbie-Anschlag stellte sich den US-amerikanischen Fahndern ein Mann namens Abdel Madschid Jiacha, ein früherer Assistent des Stationsleiters der Libyan Arab Airlines auf dem Flughafen von Malta. Jiacha bezichtigte zwei Kollegen des Verbrechens von Lockerbie und wurde als Kronzeuge in den Prozeß eingeführt.

Monatelang verhörten FBI-Agenten angeblich diesen Zeugen, um ihn am 14. November 1991 der Öffentlichkeit zu präsentieren. Erst zu diesem Zeitpunkt präsentierten Sprecher des FBI und Scotland Yards den überraschten JournalistInnen der Weltpresse zeitgleich in den USA und in Schottland eine neue Tatversion: Verantwortlich für den Lockerbie-Anschlag seien zwei libysche Geheimagenten, Ali al Megrahi, geboren am 1. April 1952, und Amin Chalifa Fhimah, geboren am 4. April 1956. Er, Abdel Madschid Jiacha, habe beobachtet, wie jene zwei am Morgen des 21. Dezember 1988 den Bomben-Koffer auf dem Flughafen von Malta an Bord eines Flugzeugs nach Frankfurt schmuggelten. Ihre Regierung habe ihnen den Anschlag befohlen, als Rache für die US-amerikanische Bombardierung von Tripolis und Benghasi im Jahr 1986.

Das Szenario stellte sich wie folgt dar: Fhima, Stationsleiter der Libyan Arab Airlines auf Malta, habe im September 1988 die Tarnfirma Med Tours Services Ltd. gegründet, um den Anschlag vorzubereiten. Hierzu passe die Beschreibung des maltesischen Boutique-Besitzers Gauci auf Megrahi, der laut Einreiseunterlagen des Flughafens am 7. Dezember auf Malta war. Fhima habe sich illegal Gepäck-Aufkleber von Air Malta besorgt. Megrahi und Fhima seien am 20. Dezember mit einem braunen Hartschalen-Koffer nach Malta gekommen, und schon am nächsten Morgen sei Megrahi mit Flug LN 147 der Libyan Arab Airlines nach Tripolis geflogen - Eincheckzeit: morgens zwischen 8:50 und 9:50 Uhr.

Der Flug Air Malta KM 180 nach Frankfurt wurde am selben Tag zwischen 8:15 Uhr und 9:15 Uhr abgefertigt. Dieses Zeitfenster hätten die beiden Libyer genutzt, um den mit einem Air-Malta-Etikett versehenen, mit Kleidern und Bombe gefüllten braunen Koffer in die maltesische Maschine zu schmuggeln. Dieser Koffer sei in Frankfurt in ein Flugzeug der PanAM und in London dann in den Jumbo, der auf Lockerbie stürzte, umgeladen worden.

Das libysche Regime wies dies zurück und weigerte sich zunächst, die beiden Angeklagten auszuliefern. Darauf verabschiedeten die Vereinten Nationen auf US-amerikanischen und britischen Antrag mehrere Embargo-Resolutionen, die bis zum April 1999 regelmäßig verlängert wurden. Diese untersagten jeglichen Luftverkehr mit Tripolis, sperrten die libyschen Auslandsguthaben und verboten den Export von Flugzeugen, Rüstungsgütern und technischem Gerät für die Ölindustrie nach Libyen.

Tatsächlich jedoch soll Jiacha nach den Aussagen mehrerer Prozeßbeteiligter bereits im August 1988, also vier Monate vor dem Lockerbie-Anschlag, Kontakt zur US-Botschaft in Valletta aufgenommen haben. Dabei habe er der CIA ausführlich von den Aktivitäten des libyschen Geheimdienstes auf der Malta berichtet. Erst nach erheblichem Druck der Verteidigung gaben die US-Behörden 1999 nach und gewährten den Anwälten der Angeklagten Akteneinsicht in Sachen Jiacha. Große Teile der Dokumente waren allerdings geschwärzt. Dennoch soll aus den noch lesbaren Resten eindeutig hervorgehen, daß sich Jiacha bereits im August 1988 der CIA offenbart habe. Hieraus ergeben sich drei Möglichkeiten:
A Jiacha wußte von den Attentatsplänen und verriet sie - und die US-Regierung war vorab über den Anschlag informiert.
B Jiacha beobachtete die Vorbereitung des Lockerbie-Anschlags, verriet aber aus unerfindlichen Gründen erst 1991, was er gesehen hatte.
C Er wußte nichts von einem Anschlags-Plan und erzählte den US-amerikanischen Ermittlern, was sie hören wollten.

Eine völlig neue Spur ergibt sich mit der Aussage des PanAm-Piloten John Hubbard, der an jenem 21. Dezember 1988 zu einem anderen Ziel von Frankfurt aus unterwegs war. Er hatte zwei braune Hartschalen-Koffer der Marke Samsonite als unbegleitetes Gepäck in die USA geschickt. Doch nur einer konnte aus den Trümmern des PanAm-Jumbos geborgen werden. Der zweite kam wohlbehalten mit einem anderen Flug einen Tag später in den USA an. Er war in Frankfurt liegen geblieben. Möglicherweise hatte jemand ihn dort mit dem Bomben-Koffer ausgetauscht. Auszuschließen ist dies nicht, da die Koffer des Piloten nicht die Röntgen-Kontrolle durchliefen. PanAm mußte dies bestätigen.

Ein solcher Trick zur Umgehung der Röntgen-Kontrolle wäre sowohl in Frankfurt als auch in London denkbar. Ungewöhnlich an Flug 103 ist zudem, daß die Maschine nur zu zwei Dritteln besetzt war, während die Flüge in die USA kurz vor Weihnachten in der Regel ausgebucht sind.

1997 sagte ein als "Quelle C" bekannter, aus dem Iran geflohener Ex-Geheimdienstler gegenüber deutschen Ermittlern aus, Chomeini persönlich habe nach dem Abschuß der iranischen Passagier-Maschine am 3. Juli 1988 Vergeltung gefordert. Ein iranisches Kabinettsmitglied habe daraufhin Verhandlungen mit palästinensischen Terrorgruppen über die Umsetzung des Flugzeug-Anschlags geführt. Die Bombe sei in Einzelteilen nach London geschmuggelt, dort zusammengebaut und an Bord des Jumbos gebracht worden. Diesem Zeugen, den BKA-Vernehmer als glaubwürdig und akkurat schilderten, hat die deutsche Rechtsprechung bereits in einem anderen Fall vertraut: Er war im "Mykonos-Prozeß" der Kronzeuge für die anklage, daß die iranische Führung die Ermordung von vier kurdischen Oppositionellen in Auftrag gegeben hatte.

Eine weitere Version kam mit der Veröffentlichung der Londoner 'Times' am 23. November 1999 ins Gespräch, die auf die mögliche Täterschaft des seinerzeit in Schweden einsitzenden Abu Talb hinwies. Demnach hat ein interner Zwist in der CIA zum Absturz über Lockerbie geführt.

Schon 1992 hatte die New Yorker Sicherheitsfirma 'Interfor', die von PanAm mit der Untersuchung des Lockerbie-Anschlags beauftragt worden war, behauptet, eine kleine CIA-Einheit habe in Zyperns Hauptstadt Nikosia dafür gesorgt, daß syrische und libanesische Schmuggler ungehindert Drogen in die USA transportieren konnten. Die Gangster sollen den Geheimdienstlern im Gegenzug Hilfe bei der Befreiung von im Libanon festgehaltenen westlichen Geiseln versprochen haben.

Eine andere CIA-Einheit aber, die eine gewaltsame Geiselbefreiung vorbereitete, sei diesem Deal auf die Spur gekommen und habe der Zentrale in Langley, Virginia, Bericht erstatten wollen. Fünf Agenten dieser Sondereinheit starben tatsächlich beim Lockerbie-Anschlag - angeblich, so 'Interfor', weil ihre Reisepläne verraten worden seien. Die Attentäter hätten die Sicherheitslücke, die ihnen von der CIA-Einheit in Nikosia gewährt wurde, genutzt, um in Frankfurt den Bomben-Koffer an Bord zu schmuggeln.

Manche Details dieses Lockerbie-Szenarios sind gut belegt: So hat ein ehemaliger Drogenfahnder und Mitarbeiter des Militärischen Nachrichtendienstes der USA, Lester Coleman, den mutmaßlichen Drogenkurier identifiziert. Es handelte sich um den US-Amerikaner libanesischer Abstammung Khaled Jaafar, der ein Ticket für Flug 103 kaufte, ohne zu ahnen, daß in seinem Schmuggelkoffer nicht Drogen, sondern Plastik-Sprengstoff verborgen war.

Die CIA tat diesen 'Interfor'-Bericht selbstverständlich als Hirngespinst ab. Doch 1987 hatte es den Irangate-Skandal gegeben, in dem bekannt wurde, daß die US-Regierung 1986 den Waffenverkauf an ihren angeblichen Todfeind Iran gebilligt hatte, um mit dem Erlös ein schwarze Kasse zu füllen, die der militärischen Unterstützung der Contras in Nicaragua diente. Diese Unterstützung war illegal, denn sie verstieß gegen einen US-Kongressbeschluß, das Boland-Amendment, zum anderen war das Geld ursprünglich zum Freikauf US-amerikanischer Geiseln im Libanon vorgesehen. In den Anhörungen zu der Affäre im US-Kongress kam auch ans Licht, daß die Contras über Jahre mehrere Tonnen Kokain in die USA geschmuggelt hatten und daß die CIA diese Aktivitäten kannte und duldete.

Jaafars Verwandte im Libanon haben ausgesagt, dieser sei von Abu Talb angerufen und mit dem Angebot eines Kurier-Jobs für viel Geld nach Deutschland gelockt worden. Er habe von Abu Talb die Kleidungsstücke aus Malta erhalten. Zwar dementieren die US-Behörden jede Verwicklung von Jaafar. Sie geben allerdings zu, daß es tatsächlich von Nikosia aus via Frankfurt "kontrollierte" Drogenlieferungen gegeben habe - nur nicht im Dezember 1988.

Offenbar ging es beim Lockerbie-Prozeß, der als Kompromiß zwischen den USA und Libyen 2001 im niederländischen Camp Zeist veranstaltet wurde, nicht mehr darum, die Wahrheit aufzudecken, sondern nur noch darum, die Angelegenheit zu Ende zu bringen. Es hatte sich im Laufe der Jahre erwiesen, daß das Embargo gegen Libyen immer häufiger, auch von US-Firmen, durchbrochen wurde. Das Interesse am libyschen Öl ließ zugleich so manches in den Hintergrund treten. Sowohl Gaddafi als auch der seinerzeitige US-Präsident Clinton ebenso wie sein Nachfolger ab 2001 George W. Bush hatten kein Interesse an einer öffentlichen Klärung des Lockerbie-Anschlags. Der Prozeß diente der US-Regierung dazu, das Gesicht zu wahren und dem libyschen Regime, mit einem Bauernopfer der internationalen Isolation ein Ende zu setzen.

 

REGENBOGEN NACHRICHTEN

 

Anmerkungen

Siehe auch unsere Artikel:

      11. September vor 35 Jahren
      Ein blutiger Putsch mit Beteiligung der CIA (11.09.08)

      Schweizer Atomwaffen-Skandal
      Zehn Millionen Dollar von der CIA (26.08.08)

      Chile: Gefängnis für Pinochets
      Geheimdienst-Chef Contreras (8.09.08)

      Der Prager Frühling
      Auch 40 Jahre nach dem 21. August 1968
      kann die Geschichte etwas lehren (21.08.08)

      "Rot-Grün" wußte bereits 2001
      von CIA-Gefängnissen in Europa (27.10.06)

      Fall Kurnaz: Bundesregierung war bereits 2001 informiert
      Wie lange kann sich Steinmeier noch halten? (26.10.06)

      "Sie sagten, du bist von al Qaida,
      und wenn ich nein sagte, schlugen sie zu"
      Interview mit Murat Kurnaz im 'stern' 41/06 (5.10.06)

      CIA-Affäre stürzt
      US-Administration in Krise (29.10.05)

      Massengräber in Amerika
      Guatemala... (5.07.03)

      CIA und US-Wissenschaftler
      Artikel der 'Times', Los Angeles (28.01.01)

 

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