31.07.2006

Dokumentation

Gen-Moratorium
oder die Interessen
von Monsanto

»Sie wollen keine genmanipulierten Lebensmittel?
Pech gehabt.«
Ein Artikel von Michael Meacher
im britischen 'Telegraph' (30.07.2006)
 
Michael Meacher, Mitglied des britischen Parlaments, war unter Antony Blair von 1997 bis 2003 Umweltminister. Er wurde entlassen, weil er sich dem Pro-Gentech-Kurs nicht beugte.

Wenn es nach der britischen Regierung geht, werden genmanipulierte Nutzpflanzen (GM-Nutzpflanzen) ab 2009 kommerziell angebaut. Und wenn Sie keine Lebensmittel mögen, die genkontaminiert sind? Pech gehabt.

Dies ist die klare Botschaft des neuesten Beratungsergebnisses des Ministeriums für Umwelt, Nahrung und Landwirtschaft (DEFRA), in dem absurd geringe Mindestabstände zwischen GM-Nutzpflanzen und anderen Nutzpflanzen vorgeschlagen werden. Hinzu kommt ein auf Freiwilligkeit basierendes System der Entschädigung für ruinierte Landwirte, die keine GM-Nutzpflanzen anbauen, und weiter die Genehmigung, daß GM-Nutzpflanzen an geheim gehaltenen Standorten angebaut werden können. (Damit wird ein öffentliches Standort-Register, wie es vom EU-Recht vorgeschrieben ist, verneint.)

All dies drängt die Frage auf: Sind genetisch veränderte Nahrungsmittel sicher? Die Frage bleibt unbeantwortet, während ein ganzer Stapel neuer wissenschaftlicher Beweise einige beunruhigende Ergebnisse zu Tage gefördert hat. In den letzten Monaten fand ein russischer Wissenschaftler heraus, daß überraschender Weise 55 Prozent des Nachwuchses von Ratten, die mit Gen-Soja gefüttert wurden, innerhalb von drei Wochen nach der Geburt starben, während die Sterberate in der Kontrollgruppe nur bei 9 Prozent lag.

Dann entdeckte ein italienischer Forscher, daß Mäuse, die mit Gen-Soja gefüttert wurden, eine Verlangsamung des zellularen Metabolismus in Leber und Bauchspeicheldrüse zeigten. Eine dritte Studie aus Österreich zeigte, daß Gene, die aus Bohnen in Erbsen übertragen worden waren, ein Eiweiß herstellten, das derart heftige Entzündungen des Lungengewebes hervorrief, daß die Untersuchung abgebrochen wurde.

Sie meinen vielleicht, dies sei genug, um die Regierung (oder die EU, deren Kommission gegenwärtig für die Gen-Politik verantwortlich ist) zu veranlassen, den Import von Gen-Food zu stoppen, bis ausführliche Untersuchungen durchgeführt worden wären. Nicht im geringsten. Unter dem Druck der USA hat die EU innerhalb der letzten zwei Jahre die Zulassung von sieben verschiedenen Gen-Nahrungsmitteln durchgedrückt. Und dies bei ausbleibender Unterstützung durch die Mitgliedsstaaten. Sie ließ den kommerziellen Anbau von allein 31 Sorten Gen-Mais von Monsanto auf dem Territorium der EU zu.

Aus Dokumenten, die an die Öffentlichkeit gelangten, wissen wir dennoch, was in den Behörden der EU wirklich gedacht wird. Zur Sicherheit der menschlichen Gesundheit, heißt es darin, es gebe "keine eindeutigen, absoluten wissenschaftlichen Schwellenwerte, nach denen entschieden werden könnte, ob ein GM-Produkt sicher ist oder nicht." Und, so ist darin weiter zu lesen, "ist es ein vernünftiger und rechtssicherer Standpunkt", daß insektenresistent gemachte Nutzpflanzen (also GM-Nutzpflanzen wie sie bereits auf dem Territorium der EU angebaut werden) nicht angepflanzt werden sollten, bis alle Auswirkungen auf den Boden bekannt seien.

Trotz ihrer eigenen Befürchtungen hat die EU-Kommission zuvor Mitgliedsstaaten veranlaßt, über Vorlagen zweimal abzustimmen, um nationale Verbote von GM-Produkten in fünf Ländern aufzuheben. Und selbst wenn dies nach zweimaliger Abstimmung zurückgewiesen wurde, nutzte sie ihre Macht, die Aufhebung der Verbote dennoch zu erzwingen.

Es ist ein Skandal, daß eine nicht gewählte Körperschaft die Macht hat, zu entscheiden, was eine Nation essen darf oder nicht. Und daß sie dies tut, weil die Bush-Administration sie dazu drängt, die Interessen der US-Agrochemie-Konzerne wie Monsanto zu unterstützen. Die USA waren in der Lage, diesen Druck anzuwenden, weil die WTO es erlaubt, daß Handelsinteressen die Richtlinien einer einheimischen Nahrungsmittel-Politik nieder walzen.

Auch die britische Regierung steht hierbei nicht besser da. Obwohl sie weiß, wie ablehnend die öffentliche Meinung gegenüber Gentechnik eingestellt ist, stimmten unsere Minister für die Zulassung von sechs von insgesamt sieben GM-Nahrungsmitteln, während andere Länder dagegen stimmten. Und ungeachtet der Tatsache, daß Meinungsumfragen zeigten, daß 85 Prozent der Briten sich gegen den Anbau von GM-Nutzpflanzen aussprechen, verfolgten sie diesen Weg weiter bis schließlich völlig unerwartet dieser Entscheidung durch Umwelt-Untersuchungen ein Riegel vorgeschoben wurde.

Die strikte Ausrichtung der britischen Regierung pro Gentechnik zeigt sich auch auf einem Gebiet. Es paßt nicht sehr gut zu Lord Sainsburys Stellung als Wissenschaftsminister, daß seine Firmen, die GM-Nahrungsmittel fördern, mehr als 12 Millionen britische Pfund aus dem ihm unterstehenden Amt für Handel und Industrie zugesprochen bekamen.

In Hinblick auf die Gentechnik bleibt die Schlüsselfrage: Hat das allgemeine Wohl Vorrang oder die Interessen einiger der größten US-Konzerne?

 

Michael Meacher

Übersetzung: Christian Semmler

 

Anmerkungen

Siehe auch unsere Artikel:

    Anti-GMO-Aktion in Brandenburg (31.07.06)

    Anti-GMO-Aktion kann von Gerichtsbeschluß
    nicht gestoppt werden (18.07.06)

    Anti-GMO-Aktion in Ladenburg (7.07.06)

 

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